Der Hund

Dr. Einstein

Mein Name ist Einstein. Ich bin umwerfend klug, sensibel und fast ausnahmslos super gut gelaunt. Wenn ich auf der Straße Menschen begegne, bleiben die einen stehen, starren mich an und brechen in Lachen aus. Die anderen  wechseln fluchtartig die Straßenseite. Warum, wollen Sie jetzt sicher wissen? Ganz einfach. Ich bin eine englische Bulldogge. Wie so was aussieht? Wunderschön, einzigartig, behaupte ich. Meine Besitzerin meint, ich spalte die Welt in Freunde oder Feinde. Die einen brechen in  kichernde Begeisterung aus, wenn sie mir begegnen. Die anderen brüllen panikartig „nehmen Sie den Hund weg“. Für die, die keine Ahnung von Hunden haben, eine kurze Beschreibung meiner Person. Ich bin ein Mann. Haben Sie sich sicher gedacht.

Gestatten, Therapeut Einstein.

Ich habe extrem kurze Beine. Etwas krumm, aber sexy, finde ich. Diese kurzen Beine können ultraschnell von 0 auf 100 Stundenkilometer beschleunigen, z.B. beim Anblick von Katzen. Ich bringe 24,8 Kilo auf die Waage, wirke kompakt, bestehe aber fast ausnahmslos aus Muskeln. Mein Fell ist weiß-braun gescheckt. Im Gesicht  bin ich bis auf meine platte schwarze Nase und einen rosa Fleck auf meinen dunklen Lippen komplett weiß. Nachts leuchtet mein Kopf selbst im Dunkeln auffällig, was beim Gassi gehen ziemlich gruselig rüberkommt. Mein rechtes Auge ist schwarz umrandet und verleiht mir eine gewisse Gefährlichkeit. Das beste ist meine Kopfform. Ich sehe aus, als wäre ich mit dreißig Stundenkilometern ungebremst gegen eine Hauswand geknallt. Mein Unterkiefer hat einen Überbiss, der es mir ermöglicht, stundenlang mit etwas im Maul herumzutoben und problemlos dabei weiterzuatmen. Meine Vorfahren wurden zum Bullenhüten oder Bärenkampf gezüchtet. Das heißt, ich habe vor nichts Angst. Außerdem besitze ich ein reduziertes Schmerzempfinden. Wenn mir jemand auf die Pfoten tritt, spüre ich so gut wie nichts.  Sind Patienten nett  und streicheln mich, löst das in meiner Seele Kaskaden freudiger Erschütterung aus. Dann krümme ich mich zu Hüftschwüngen gigantischen Ausmaßes und werde zu einer rotierenden Kugel aus hechelnder Freude und Begeisterung.

 

Mein markantes Profil

Meine Besitzerin und der wichtigste Mensch in meinem Leben heißt Rosa. Sie hat eine Körperlänge von einhundertsechsundfünfzig Zentimetern, also eine Art menschlicher Zwerg. So klein wie sie ist, so fürchterlich energisch kann sie werden, wenn etwas nicht schnell genug nach ihren Wünschen geschieht. Dann wird sie ziemlich laut und verzieht das Gesicht ganz grauenvoll  und aus ihrem Mund kommen dann unangenehme Geräusche, wie „pfuiiii“ oder „böööööser Hund“. In der Regel ist sie aber meist gut gelaunt und fröhlich gestimmt und das liebe ich an ihr. Ganz oft werde ich liebkost und gekrault und abgeknutscht, dass mir Hören und Sehen vergeht. Sie nennt mich „braaaver Hund“, „Knutschkugel“ oder „Feinstein“. Wenn ich Blähungen habe oder mir einfach etwas stinkt, dann bezeichnet  sie mich ohne rot zu werden als „Schweinstein“. Nun denn, ich liebe meine Rosa und nehme ebenso billigend wie  tolerant gelegentliche Stimmungs- und Sinneswandlungen von ihr  in Kauf. Was bleibt mir denn auch anderes übrig, schließlich ist sie meine Hauptfuttergeberin und Begleitperson bei unseren Gassi-Touren.

Einstein bei einer seiner Lieblingsbeschäftigungen : auf einer Spielplatz-Rutsche bis zur Erschöpfung rauf und runter toben

Von Beruf ist  meine Rosa Psychotherapeutin. Genau genommen macht sie Verhaltenstherapie. So steht es auf ihrem Praxisschild. Zu ihr kommen viele Menschen: dicke, dünne, große, kleine. Manche sind wahre Ekelpakete und riechen übel, andere finde ich supernett. Unsere Meinung von den Leuten, die in Rosas Praxis kommen, geht oftmals weit auseinander. Rosa behauptet, ich würde meine bedingungslos positive Meinung von dieser Welt und all den netten Menschen um mich herum schon noch ändern.

Rutschen am Spielplatz macht mir besonders viel Spaß ...

Das habe dann mit Menschenkenntnis zu tun. Nur weil ich erst mal alle Leute freundlich behandele und mit dem Schwanz wedele. Dabei hat sie KEINE Ahnung. Denn meine Freundlichkeit hat ganz klare Abstufungen. Mein Schwanzgewackel beinhaltet eindeutige graduelle  Sympathieabstufungen, von ganz stürmisch bis sehr verhalten. Ganz zu schweigen davon, wie ich meine Stirnfalten runzeln oder glätten kann. Meine Ohren lassen sich in  unzählige Positionen aufrichten. Je nachdem, wie angenehm oder ätzend ich jemanden erlebe, reagiert mein Haarkleid darauf. D.h. ich kann mein Fell streichelzart glätten. Bei extrem unsympathischen Typen sträube ich meine Haare und wirke dadurch insgesamt um mindestens fünf Zentimeter größer und damit entsprechend furchterregend. In der Praxis meiner Rosa lasse ich es in der Regel gar nicht erst so weit kommen.

... und wilder Spiele am See

Wenn ich jemanden partout nicht leiden kann, verlasse ich einfach das Terrain. Doch meine Liebe zu Rosa und eine gewisse Solidarität zu ihr lassen mich so manchen Stinkstiefel ertragen. Ich kann immer nur staunen, wie begeistert die Leute eigentlich (fast) alle von ihr sind. Unglaublich. Allerdings sagt sie auch nie „pfui“ zu ihnen, sondern sie ergießt  einen stetigen, angenehm plätschernden Redefluss  über sie  und ich höre überproportional häufig Worte wie „wunderbar, „super“, „das haben Sie großartig gemacht“. Die Leute kommen regelmäßig und schauen sie begeistert an und können nicht genug davon kriegen. Offenbar besitzt Rosa fundamentale Weisheit. Nun denn, sie verdient damit ihr Geld.

Kollege Jakob und ich warten auf den nächsten Patienten

In Wirklichkeit bin ICH die wahre Attraktion in ihrem Laden. Das liegt daran, dass ich phlegmatisch bin und am liebsten zwanzig Stunden am Tag penne, möglichst in unmittelbarer Nähe meiner Rosa. Die hat das schamlos ausgenutzt. Meine Ruhe und Gutmütigkeit hat sie als „therapiefördernd“ deklariert. Weil die depressiven Patienten plötzlich anfangen zu lachen, wenn sie mich sehen. Extrem traurige und weinende Patienten hören schlagartig auf  zu heulen, sobald  ich sie beschnuppere. So hat Rosa mich mit der Zeit  zum Therapiebegleithund gemacht. Mittlerweile bin ich ein echter Profi. Meine Therapieerfolge können sich sehen lassen. In den Sitzungen  bin ich einfach nur dabei. Liege daneben, während Rosa mit den Patienten quatscht. Ich habe es vergleichsweise gut. Darf schlafen und meinen Träumen nachhängen, während ich die Nähe meiner besten Freundin genieße. Manchmal ist es spannend was ich höre. Mitunter kaum zu glauben. Oftmals bin ich erschüttert. Aber all das ertrage ich gerne, denn ich werde von unzähligen Menschen gekrault während sie Rosa  ihr Herz ausschütten.

 

Eine Antwort auf „Der Hund“

  1. Ich komme auch so ab und zu mal in Eure Praxis, mal gut gelaunt, mal schlecht. Einstein Du bist schon ein witziger Hund auf vier kurzen Füssen, so richtig zum Knuddeln. Wenn Du dann so lebhaft mit Deinem Kumpel Jakob durch die Gegend flitzt, dann kann es schon mal sein, dass ich völlig aus dem Konzept komme und im Moment dann gar nicht mehr weiss, was ich eigentlich sagen wollte.
    Ich wusste bis ich in Eure Praxis kam gar nicht, wie heilsam Hunde sein können. Ich habe selbst so eine kleine Persönlichkeit, nur die wuselt immer um mich rum, dass ich es manchmal als lästig empfinde, weil sie mich aus der Ruhe bringt.. Wenn ich sie mal nicht habe, weil sie Urlaub bei jemand anderen macht, fehlt sie mir dann doch.
    Bei Euch ist das anders, da kann ich streicheln, wenn ich will und ihr seid auch dann wenn ich gerade nicht will, auch nicht aufdringlich. Ihr seid sehr respektvoll, aufmerksam und mitfühlend.
    Ihr seid wirklich ganz besondere Hunde, schön dass ich Euch begegnen durfte.

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