05 • Reflektionen eines Therapiebegleithundes

Ach du trübes Schwein, was tut sich Rosa heute nur alles an. Kommt da ein Kerl wie ein Schrank daher und verbreitet fünfzig Minuten miese Atmosphäre. Ich kann es förmlich riechen. Etwas grauenvoll Bedrohliches im Raum.
Sitzt dieser Typ mit dem Arsch auf der äußersten Kante des Stuhles und rattert ohne Punkt und Komma seine Geschichte runter, während Rosa seltsam gespannt und eher wortkarg  zuhört.

Meine Kollegen schlafen während ich in der Praxis schufte

Sie macht dabei einen ähnlichen Gesichtsausdruck, wie wenn sie mich erwischt, wenn ich ihre Lieblingsschuhe versuche anzunagen. Oh weia, jetzt haut sie ihm gleich mit der Zeitung …?  Nein, nix Zeitung, kein Pfui ertönt.

Sie gibt ihm einen neuen Termin, das darf doch nicht wahr sein!

„Na warte, Bursche, wenn ich noch mal was von Waffen und Prügeln höre, beiße ich dich dahin, wo es richtig weh tut“.

Ganz besorgt beobachte ich, wie Rosa nach dieser Sitzung länger als sonst gedankenverloren vor sich hin starrt und so gar nichts sagt.

Dann steht sie abrupt auf, weil es geläutet hat.

04 • Der Finger am Abzug

Heute kommt ein junger Mann zum Erstgespräch. Auf den ersten Blick recht attraktiv. Blaue Augen, sportliche Figur, etwa ein Meter fünfundneunzig geballte Kraft. Er strahlt eine Unruhe aus, die mir stellenweise den Atem raubt. Ich reagiere immer sehr intensiv auch auf ganz feine Schwingungen. Der Patient hockt während des gesamten Gesprächs angespannt und sprungbereit auf der vorderen Stuhlkante. Neben seiner Nervosität und Gehetztheit kann ich deutlich bei ihm Angst spüren. Ja genau, panikartige Angst und Anspannung. weiter lesen

03 • Gras unter meinen Pfoten

Rosa ist ziemlich einsilbig seit dem letzten Telefonat. Lange hockt sie in ihrer Praxis am Schreibtisch und hackt mit drei Fingerspitzen auf einem flachen Kasten (1) herum, telefoniert einige Male sehr aufgeregt, wirft den Hörer auf, verstummt dann plötzlich und starrt bewegungslos vor sich hin. Ich lege mich zu ihren Füßen nieder, setze meinen unschuldigsten „ich-kann-keiner Fliege-was-zuleide-tun-Blick“ auf und warte. Mir ist klar: was sie braucht ist dringend frische Luft. Die Zeit verstreicht. Meine Geduld auch. Daher muss ich die nächste Dringlichkeitsstufe einschalten … weiter lesen

02 • Krisenalarm

Dieser Vormittag heute, einfach herrlich, alles im grünen Bereich, lauter nette Patienten. Einstein hat außer ein paar grauenvollen Blähungen keine weiteren erwähnenswerten Vorkommnisse geliefert, war verständnisvoll zu den Patienten und hat sich – je nach Sympathiegrad – zu einigen von ihnen sogar vertrauensvoll hin gekuschelt.
Es ist rührend zu beobachten, wie sich die Gesichter wandeln und die Stimmung schlagartig besser wird, wenn der Hund in Kontakt tritt und eine ganz besondere emotionale Schwingungsebene herstellt, die schwer zu beschreiben ist.
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