04 • Der Finger am Abzug

Heute kommt ein junger Mann zum Erstgespräch. Auf den ersten Blick recht attraktiv. Blaue Augen, sportliche Figur, etwa ein Meter fünfundneunzig geballte Kraft. Er strahlt eine Unruhe aus, die mir stellenweise den Atem raubt. Ich reagiere immer sehr intensiv auch auf ganz feine Schwingungen. Der Patient hockt während des gesamten Gesprächs angespannt und sprungbereit auf der vorderen Stuhlkante. Neben seiner Nervosität und Gehetztheit kann ich deutlich bei ihm Angst spüren. Ja genau, panikartige Angst und Anspannung. weiter lesen

03 • Gras unter meinen Pfoten

Rosa ist ziemlich einsilbig seit dem letzten Telefonat. Lange hockt sie in ihrer Praxis am Schreibtisch und hackt mit drei Fingerspitzen auf einem flachen Kasten (1) herum, telefoniert einige Male sehr aufgeregt, wirft den Hörer auf, verstummt dann plötzlich und starrt bewegungslos vor sich hin. Ich lege mich zu ihren Füßen nieder, setze meinen unschuldigsten „ich-kann-keiner Fliege-was-zuleide-tun-Blick“ auf und warte. Mir ist klar: was sie braucht ist dringend frische Luft. Die Zeit verstreicht. Meine Geduld auch. Daher muss ich die nächste Dringlichkeitsstufe einschalten … weiter lesen

02 • Krisenalarm

Dieser Vormittag heute, einfach herrlich, alles im grünen Bereich, lauter nette Patienten. Einstein hat außer ein paar grauenvollen Blähungen keine weiteren erwähnenswerten Vorkommnisse geliefert, war verständnisvoll zu den Patienten und hat sich – je nach Sympathiegrad – zu einigen von ihnen sogar vertrauensvoll hin gekuschelt.
Es ist rührend zu beobachten, wie sich die Gesichter wandeln und die Stimmung schlagartig besser wird, wenn der Hund in Kontakt tritt und eine ganz besondere emotionale Schwingungsebene herstellt, die schwer zu beschreiben ist.
weiter lesen

01 • Einsteins tägliche Routine

Ich werde jetzt mal ganz kurz schildern, wie mein tägliches Leben und meine Tätigkeit als Therapiebegleithund aussehen.
Wir leben in einem alten Haus auf dem Land. Hier haben alle viel Platz. Rosa hat ganz oben unter dem Dach ihre Praxis. Genaugenommen führen sechsundvierzig Stufen hinauf. Ziemlicher Kraftakt für mich, täglich die Stufen mühselig zu erklimmen, weil meine Beine nicht gerade ultralang sind. Saugemütlich finden alle Besucher unser Domizil und sind begeistert, kaum haben sie die Schwelle übertreten. Verstehe gar nicht, was die haben. “Hier herrscht ja so eine tolle Atmosphäre” höre ich andauernd. Blödes Gelabere. Ist halt eine Hütte mit viel Holz. “Und dieser zauberhafte Garten”. Dämliches Gesäusel ! … weiter lesen