Einführung

Seit 30 Jahren arbeite ich mit Tieren als „Co-Therapeuten“. Hunde und Pferde begleiten mich auf meinem Lebensweg seit ich denken kann. Ein Leben ohne Tiere ist für mich unvorstellbar. Jedem einzelnen von ihnen verdanke ich in der Summe unendlich großes Glück, ,jede Menge Spaß, Lachen bis zum Bauchmuskelkater, Schmusestunden ohne Ende und viel Bewegung an frischer Luft.

Co-Therapeuten

Irgendwann entdeckte ich per Zufall, dass ein besonders frecher Welpe, den man unmöglich alleine lassen konnte weil er jämmerlich heulte, plötzlich sehr vergnügt in meiner Praxis herumhopste und große Heiterkeit, geradezu Verzückung bei meinen Patienten weckte. Das machte uns allen so viel Freude, dass ich Mut fasste und das kleine Hundekind immer öfter anschleppte.
Merkwürdigerweise verbesserte sich die Stimmung bei fast allen Patienten schlagartig, sobald sie in Kontakt mit dem Tier traten. Seitdem hockt immer irgendein Vierbeiner bei mir rum, wenn ich arbeite. Es sei denn, ein Patient hat abgrundtiefe Angst oder Ekel. Dann „verschonen“ wir ihn natürlich. Mittlerweile sind viele Jahre ins Land gegangen.

Unter meinen „Co-Therapeuten“ gab es die unterschiedlichsten Rassen. Einige kamen aus dem Tierheim, wie meine erste englische Bulldogge „Archibald“. Der Charakter dieses Tieres setzte alles außer Kraft, was ich bisher über Hunde wusste. Eine englische Bulldogge ist eine „Mischung aus überströmender Liebenswürdigkeit und immer wieder verblüffendem Draufgängertum“ (1) Eine  Bulldogge besticht durch ihren Charme und ihr einmaliges Wesen. „Sie ist liebebedürftig, rührend anhänglich und zeigt in jeder Situation Charakter“ (1). Ein Bulldog kann vor Glückseligkeit strahlen und Grimassen schneiden wenn er gut drauf ist. Ebenso schnell kann er aber in scheinbar unermesslichen Trübsinn verfallen und sieht dann aus wie eine zerknüllte Papiertüte mit „Vorwurfsgesichts-ausdruck“.

Einstein beim geduldigen Warten

Mit ihrer Ruhe und ihrem Phlegma eignet sich eine englische Bulldogge außerordentlich gut für den Einsatz in einer psychologischen Praxis. Sie ist ein wunderbarer Co-Therapeut und durch nichts und niemanden zu erschüttern. Heute gibt es eine Vielzahl tiergestützter Aktivitäten und Therapien und es wird in interdisziplinärer Zusammenarbeit erfreulicherweise sehr viel geforscht und publiziert (2). Die Basis dieser Arbeit bildet die tiergestützte Psychotherapie oder auch tiergestützte Verhaltenstherapie. Man weiß, dass der Kontakt zu Hunden den Aufbau physischer und psychischer Energien stärkt und fördert. Hunde kennen den geheimen Zugang zur Seele des Menschen. Hunde fragen nicht nach Schönheit, sozialem Status oder Gesundheitszustand. Sie antworten direkt auf die Zuwendung, die ihnen entgegengebracht wird. Hunde sind weder nachtragend noch voller Vorurteile und wenn sie lieben, geschieht dies mit bedingungsloser Hingabe. Meine Therapiehunde setze ich nicht nur in der verhaltenstherapeutischen Praxis ein. Ich arbeite mit krebskranken Patienten und besuche sie zuhause, wenn sie bettlägerig geworden sind. Als Hospizhelferin gehe ich in Pflegeheime und mache Sterbebegleitung. Hier besticht meine englische Bulldogge „Einstein“ selbst die Schwerstkranken und Sterbenden und bringt sie mit seinem umwerfenden Charme zum Schmunzeln oder gar zum Lachen. Keiner kann ihm widerstehen. Sogar die Schwestern und Pfleger geraten  regelmäßig in Verzückung beim Anblick des grimmig-mürrischen Vierbeiners, der sie mit seinem fröhlichen und verspielten Gemüt verzaubert.

Um es theoretisch zu vertiefen, hier einige Ergänzungen:

Hunde sind vertrauensbildende „Türöffner“. Zu Beginn fungieren sie als „Eisbrecher“, indem sie die Beziehungsgestaltung zwischen TherapeutIn und PatientIn förderlich unterstützen. Sie helfen anfängliche Widerstände der Patienten zu mindern, indem sie helfen eine angenehme offene Atmosphäre entstehen zu lassen, in der es leichter fällt über die eigenen Probleme und Schwierigkeiten zu sprechen.

Hunde können während der Sitzungen beruhigend und angstmindernd wirken.

Durch Übertragungs- und Projektionsprozesse können sie Patienten helfen leichter über ängstigende und beunruhigende Aspekte zu sprechen und auch leichter an unbewusste Inhalte zu gelangen. Gleiches gilt wenn Hunde als ‚sicherer Hafen‘ und ‚sichere Basis‘ fungieren. Auch dann fällt es in der Regel leichter schmerzhafte Erlebnisse zu reflektieren. Zudem wird der/die PatientIn eher neue Möglichkeiten erkennen und kreativer neue Verhaltensweisen erproben, wenn er/sie sich sicher fühlt und emotionale Unterstützung erfährt.

Seit geraumer Zeit werden Tiere ganz bewusst wegen ihrer positiven und beruhigenden Wirkung auf den Körper, die Seele, sowie den Geist des Menschen im Rahmen therapeutischer Settings eingesetzt. Hierbei kommt dem Hund als „Freund des Menschen“ eine ganz besondere Bedeutung zu. Er ist das erste Tier in historischer Hinsicht, welches domestiziert wurde. Der Hund gehört unter den Vierbeinern zu denjenigen, welche sich in der gemeinsamen Geschichte in seinem Ausdrucksverhalten am besten auf den Menschen eingestellt hat und bei vielen positive Gefühle, Gedanken und Erinnerungen auslöst. Seine wohltuende Wirkung auf den Menschen ist inzwischen hinlänglich bekannt und wissenschaftlich belegt: Studien zeigen, dass sich Menschen in Stresssituationen in der Gegenwart eines Hundes besser entspannen und weniger stressbedingte Symptome, wie beispielsweise schwitzige Hände, höheren Blutdruck oder erhöhte Pulsfrequenz, aufweisen.

 

Im Kontakt zu einem Hund erleben Patienten erstmals häufig nach langen Jahren bedingungslose Akzeptanz, ehrliche und direkte Rückmeldung. Hunde besitzen einen hohen Aufforderungscharakter, dem sich das menschliche Gegenüber kaum entziehen kann. Ein Patient muss nicht befürchten, von einem Hund abgewiesen oder alleingelassen zu werden. Hunde akzeptieren ihr menschliches Gegenüber vorbehaltlos und ungeachtet von Äußerlichkeiten, Lebensgeschichten, Krankheiten, Intelligenzquotienten und Neurosen. Sie vermitteln Sicherheit, da sich das menschliche Gegenüber der uneingeschränkten Zuwendung gewiss sein kann, der Hund nicht kritisiert, in seiner Botschaft Eindeutigkeit liegt und das Verhalten relativ vorhersagbar ist.

 

Eine weitere sehr wertvolle Eigenschaft von Hunden ist, dass sie instinktiv die Stimmungslagen der sie umgebenden Menschen wittern und dementsprechend reagieren. Positive Erfahrungen im Mensch-Tier-Kontakt führen im besten Fall dazu, dass die betroffenen Menschen ermutigt werden, Vertrauen zu einem anderen Lebewesen aufzubauen und diese Erfahrungen auf die Beziehungsebene Mensch-Mensch mit dem Tier als Brückenfunktion zu übertragen.

 

Die stressreduzierenden Effekte von sozialer Unterstützung – sei es von einem Menschen oder einem Haustier – beruhen wahrscheinlich auf der Aktivierung des Oxytozinsystems . Insbesondere dann, wenn es zu Körperkontakt in einer vertrauten Beziehung kommt, wird das Hormon Oxytozin freigesetzt. Da Oxytozin die Aktivierung der Stress-Systeme hemmt, reduziert sich der Stress von Individuen, die in einer belastenden Situation die Nähe zu einer vertrauten Bindungsfigur suchen und von dieser (psychisch und körperlich) getröstet werden. Die beschriebene, stressreduzierende Wirkung von Hunden beruht wahrscheinlich auf diesem Mechanismus .

Aber Oxytozin hemmt nicht nur die Stress-Systeme. Oxytozin erhöht zudem die Fähigkeit, sowie die Bereitschaft, sozial angemessen zu interagieren. So bewirkt ein höherer Oxytozinspiegel beispielsweise eine geringere soziale Ängstlichkeit, eine höhere Empathie, sowie ein höheres Vertrauen in Andere . Sollte also tatsächlich in der Beziehung zu einem Tier das Hormon Oxytozin freigesetzt werden, dann bieten tiergestützte Interventionen jenseits der Stressreduktion ein noch größeres Potential.

 

Weitere Glückshormone neben Oxytocin werden im Kontakt mit einem Tier in der Tiergestützten Psychotherapie gebildet, sogenannte „Glückshormone“.

Als Glückshormone werden populärwissenschaftlich häufig bestimmte Botenstoffe (Hormone, Neurotransmitter) bezeichnet, die Wohlbefinden oder Glücksgefühle hervorrufen können, und zwar durch stimulierende und/oder entspannende und/oder schmerzlindernd-betäubende Wirkung. Beispiele sind: Dopamin, Serotonin, Noradrenalin, Endorphine, Phenethylamin (PEA).

 

 

 

Literaturnachweis:
(1): Imelda Angehrn : English Bulldog 1996, S.13
(2): Prof. Dr.  Erhard Olbrich und Dr. Carola Otterstedt : Menschen brauchen  Tiere. Grundlagen und Praxis der tiergestützten Pädagogik und Therapie

Eine Antwort auf „Einführung“

  1. Liebe uschi,
    gefällt mir gut. Besonders die einleuchtenden Erklärungen und die Gleichberechtigung des Co-Therapeuten Einstein.
    Die Geschichten sind spannend.
    Liebe Grüße
    Gila

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