124. Klassentreffen

Heute tauchte die Patientin auf, die ich  in Kapitel 74 schon mal beschrieben habe. Damals ging es um das Thema Neid. Es handelte es sich um eine äußerst sympathische Frau, nicht mehr ganz jung, verwitwet und ziemlich vermögend, die den Neidattacken so mancher ihrer Freundinnen  auf das übelste ausgesetzt war. Strahlend berichtete sie mir bei ihrem neuen Besuch, dass sie erfolgreich alle „Missgünstlinge“ und „Neidtruchteln“ aus ihrem Leben gekehrt hatte und ihren Freundeskreis um eine Vielzahl ihr Wohlgesonnener erweitert habe.

Nunmehr berichtete sie mir, daß in Kürze ein Klassentreffen anstünde und sie sehr im Zweifel sei, ob sie hingehen solle.

Es erforderte jetzt keine große psychologischen Kunst, um mit der Patientin die Frage zu erörtern, wie wichtig ihr das Klassentreffen sei. Die Antwort kam blitzartig. „Ich habe keinen Bock. In unserer ehemaligen Klassengemeinschaft tummeln sich meist kinderlose Damen. Die haben selbstredend wenig Verständnis für mein Großfamiliendasein. Vom Erlebnishorizont trennen uns Lichtjahre. Es gibt etliche, die lebenslang nichts gearbeitet haben. Eine ist seit Tschernobyl damit beschäftigt, einmal im Monat Gemüse und Obst von einem biologischen Anbieter unter ihren Freunden zu verteilen. In ihrer Freizeit macht sie bei einer Square-Tanzgruppe alter Weiber mit. Ansonsten kann sie nur in Begleitung ihres Gatten sich von A nach B bewegen, weil sie absolut agoraphobisch unterwegs ist und glaubt,  jeder Vergewaltiger würde sich sofort auf sie stürzen, wenn sie ohne männliche Begleitung in der Öffentlichkeit auftaucht. Eine andere ist grauenvoll dement und wohnt, besser gesagt haust als Messi  unter unbeschreiblichen Bedingungen. Kotz. Einige sind nur noch damit beschäftigt, ihr Geld mit Reisen zu verbraten. Ehrlich gesagt interessieren mich die Berichte aus fernen Ländern nicht die Bohne. Wieder andere verabredeten sich mit mir mehrfach und ließen das Treffen dann wenige Stunden davor unter Nennung fragwürdiger Gründe platzen.“

Ich stoppte diesen aufschlussreichen Bericht und stellte eine Frage: „Brauchen Sie das alles?“

Dankbar lächelnd kam ein Kopfschütteln. Wir vereinbarten, daß die Patientin sich nur noch mit positiven Menschen umgeben solle. So wie sie es mit großem Erfolg in den vergangenen Monaten initiiert hatte. Damit war die Frage zum Thema Klassentreffen vom Tisch. Einen fiesen Kommentar konnte ich mir am Ende nicht verkneifen: „Nur weil man früher mal gemeinsam am Lagerfeuer saß und Bonanza gesungen hat, rechtfertigt das keine Auffrischungsrunden“.

Dann pfiff ich nach meinen Hunden und verließ die Praxis. Als ich mein Wohnzimmer betrat, kicherte und gluckste es wohlig und laut. Die Geräusche kamen aus dem Hundekorb . Und was entdeckte ich dort? Seht selbst. Einstein und Madame hatten in der Zwischenzeit sehr goldigen Besuch bekommen. Zwei kleine Menschen, weitest entfernt von Niedertracht und Missgunst.  Clara und Leni. Wunderbar.