123. Sexueller Übergriff

Uns kann nichts erschüttern

Kaum war ich wieder im Lande, wartete auf mich ein Verlängerungsgutachten der besonderen Art.  Ungeduldig winkte es mir von oberster Stelle meines Schreibtisches aus  zu. Frech und arrogant hatte es sich auf alle anderen Gutachten gesetzt und glotzte  mich süffisant grinsend an. Als wolle es sagen, nun gib mal Gas und fange an, mich zu bearbeiten. Wie ihr euch vorstellen könnt, ein mehr als unangenehmer Fall.

Ein 35jähriger Patient hatte im Rahmen einer Kurzzeittherapie seine gesamten Probleme mit mir in aller Ausführlichkeit bearbeitet. So schien es zumindest. Erstaunlicherweise hatte er in kürzester Zeit gelernt, seine berufliche Problematik erfolgreich in den Griff zu bekommen und mit Streß besser umzugehen. Knapp an einem Burn-Out vorbei geschrammt erkannte er in kürzester Zeit, daß er seine perfektionistischen Leistungsansprüche an sich drastisch reduzieren mußte, um einen kompletten Zusammenbruch zu vermeiden. In persönlicher Hinsicht stand er kurz vor der Scheidung. Jahrelange Konflikte mit seiner Gattin, die sich massiv vernachlässigt fühlte, belasteten die Ehe über alle Maßen. Auch dies löste sich in Wohlgefallen auf. Je weniger Stress der Patient auf sich lud, umso liebevoller entwickelte er sich als Ehemann und Familienvater.

In der letzten Sitzung eröffnete er mir zu meinem großen Staunen, daß er gerne die Therapie verlängern würde. Sprachlos sah ich ihn mit großen Augen an und wartete auf die Begründung. Dann kam die Bombe. „Ich wurde jahrelang von meiner Mutter sexuell mißbraucht. Anfangs begann es ganz harmlos. In der Badewanne. Ich war noch ein kleiner Bub und liebte es, in der Wanne zu plantschen. Es gab jede Menge Spielzeug. Am liebsten waren mir die Entchen und ein kleines Schiff. Meine Mutter sagte eines Tages, daß sie jetzt das Steuer für die Badewannen-Schifffahrt  in die Hand nehmen wolle. Dann ergriff sie ebenso vorsichtig wie liebevoll meinen kleinen Penis. Ich wußte nicht, sollte ich vor Entsetzen zurückzucken oder mit Erstaunen beobachten, wie mein kleiner Schniedi zu wachsen begann“.

Oftmals ist es so, daß in den letzten Minuten einer Behandlungsstunde die wahren Tatsachen auf den Tisch kommen. In diesem Fall halt in der letzten Sitzung eines kompletten Behandlungsjahres.

Auf sein Therapieziel bezüglich einer weiteren Verlängerung angesprochen, offenbarte der Patient, daß er den jahrelangen Missbrauch aufarbeiten wolle, weil er JETZT genügend Vertrauen aufgebaut habe.

Doch dann kam der eigentliche Hammer. In meinem Verlängerungsgutachten dürfe ich das unter keinen Umständen erwähnen. „Mein Bruder ist ein führender Mitarbeiter der Krankenkasse, bei der ich versichert bin. Der liest immer alles. Prüft jede Rechnung. Selbstverständlich auch die Gutachten, die von den jeweiligen Ärzten erstellt werden. Unter keinen Umständen darf er erfahren, was unsere Mutter angerichtet hat in all den Jahren.“

Ich glaube, es ist überflüssig zu erwähnen, dass ich auf die Wünsche meines Patienten NICHT eingegangen bin. Verlängerung ja – aber nicht unter Maßgabe einer Verschleierungstaktik, um einen grenzüberschreitenden Krankenkassenmitarbeiter zu decken. Der handelte im übrigen im Sinne eines groben Straftatbestandes. Patientendaten dürfen lediglich einem Gutachter zugänglich gemacht werden und nicht sauneugierigen Familienangehörigen.

Nachdem ich klargemacht hatte, daß ich mir die Bedingungen für die Erstellung eines Gutachtens nicht diktieren lassen würde,  entschied sich der Patient, einen anderen Behandler zu suchen.

Wahrscheinlich werde ich niemals erfahren, ob die Lügenstory erfolgreich weiter unter den Teppich gekehrt werden wird. Und in irgendeiner Krankenkasse wird ein bestimmter Mitarbeiter entgegen allen gesetzlichen Vorschriften fleissig weiter alle Gutachten lesen, die in der Regel spannender sind wie jeder Tatort.