122. Reisen

Was ich inzwischen perfekt beherrsche ist Reisen. Damit meine ich ALLEINE reisen. Niemanden an der Backe haben,  der meckert, pfurzt oder dreckige Socken verstreut. Ich liebe es, wenn ich den Tagesablauf – völlig auf meine Bedürfnisse zugeschnitten – bestimmen darf.  Essen, schlafen oder lesen wann ich will. Mit Franz war das immer Harmonie und Übereinstimmung pur. Doch diese Zeiten sind vorbei. Leider.

Die einzigen „Begleitpersonen“ die ich zur Zeit ertrage sind einige sehr ausgesuchte Familienmitglieder und natürlich meine Hunde.

Meine letzte Reise war eine Gruppenreise, organisiert von einer bekannten Tageszeitung aus dem süddeutschen Raum. Klang von derAusschreibung her  verlockend.

Es handelte sich um eine „Schnupperkreuzfahrt“ von Hamburg nach London, wo „königliche Erlebnisse“ der Reisegruppe zuteil werden sollten.

Als ich in Hamburg aus dem Flieger ausstieg wurde ich zusammen mit ca. 100 Personen auf zwei Busse verteilt, die zum Hafen fuhren, wo das Kreuzfahrtschiff auf uns wartete. Da ich immer ein wenig tritschelig unterwegs bin musste ich in der letzten Reihe des Busses Nr. 2 Platz nehmen. Ein prüfender Blick nach vorne über alle Reihen hinweg offenbarte mir jede Menge Hörgeräte in den Ohren der vor mir Hockenden. Durchschnittsalter der Teilnehmer: geschätzte 79 Jahre. Außer mir noch eine einzelne alleinreisende Frau. Der Rest Paare. Einige sehr hektisch und wegen der eingeschränkten Hörfähigkeit unüberhörbar laut kommunizierend. Die meisten jedoch schienen in Wortlosigkeit zu versinken und blieben es auch für den Rest der Reise. Ich hab mal in einer Studie gelesen, dass die maximale Kommunikationsdauer zwischen Paaren insgesamt 12 Minuten am Tag nicht übersteigen würde. Bingo, schien hier an Bord zu stimmen.

Am Hafen angekommen erwartete uns ein Riesenpott. Die Warteschlange beim Einchecken endlos. Von unserem Reisebegleiter, der uns durch das Chaos hindurchgeleiten sollte,  war wenig oder gar nichts zu sehen. Zum Glück bin ich reiseerfahren und finde mich schnell überall zurecht.

Von den Männern rund um mich herum empfing ich meist wohlwollende Blicke. Die Damen hingegen – nach einem kurzen Bodyscan meiner traumhaften Figur, meines überwältigenden Charmes  und meiner liebreizenden Art – zerrten ihre Ehegesponse in der Regel meist sehr schnell sehr weit weg. Ich bin jetzt alles andere als paranoid, aber das schien mir schon ziemlich auffällig.

Glücklicherweise war ich mit einem wundervollen Buch ausgestattet und verzog mich während der Seetage lieber in einen stillen Winkel als mich von einem finster blickenden weiblichen Drachen  über Bord schmeissen zu lassen. Ich finde es erstaunlich, dass es so viele alte Weiber gibt, die grauenvoll dürr und ausgemergelt daherkommen.  Entsprechend frustriert sind ihre Visagen. Wer sich bestenfalls von Salat ernährt kann definitiv keine positive Ausstrahlung haben. Dafür umso mehr Falten und das auf einem nicht vorhandenen Unterhaut-Fettgewebe.

Meine Kabine an Bord war schön und geräumig. Auf den ersten Blick sah alles fantastisch aus. Sekt auf dem Tisch. Zwei riesige Betten, ein Mords Flachbildschirm an der Wand gegenüber.

Bei näherer Betrachtung des Teppichbodens hatte ich den Eindruck, dass er schon sehr in die Jahre gekommen war. So wie das ganze Schiff. Der Balkon war rostig, ausgestattet mit Tisch und zwei Liegen. Diese aus Teakholz. Immerhin.

Die Garderobenschränke in meiner Kabine boten Platz in Hülle und Fülle. Das musste auch so sein, weil es an Bord rigorose Kleidervorschriften gab. Smoking/Anzug für die Männer am Abend, Cocktailkleidchen für die Damen.

Ein wenig Abwechslung erlebten wir bei der zweimaligen Landung/Abflug eines Helikopters mit einem Notarzt an Bord. Alle Decks wurden gesperrt und den Reisenden, die im glücklichen Besitz eines Balkons waren, strengsten untersagt, die Nasen rauszustrecken. Autoritätshörig wie ich nun mal bin, verbrachte ich während der Rettungs-Aktionen bei Höllenlärm die Zeit natürlich auf meinem Balkon und versuchte zu eruieren, ob der oder die PatientIn tot oder lebendig abtransportiert wurde.  Ich denke letzteres.

Das Servicepersonal an Bord kam aus aller Herren Länder. Keiner verstand ein Wort Deutsch. Ich zum Glück Englisch. Die Speisen im Hauptrestaurant, das man nur wie zum Besuch in einer Oper aufgehübscht betreten durfte, sehr überschaubar. Sie waren nett anzusehen. Kleine Kunstwerke dekorativ auf weissem Porzellan. Doch was nützt ein hübsch anzusehender Teller, wenn die Kartoffeln darauf matsche sind und das Fleisch bis zum „geht nicht mehr“ durchgegart? Serviert von ungeschultem Personal knapp an der absoluten Unfreundlichkeitsgrenze dahin schrammend?

Die Schlange an der Rezeption von Reisenden war stets endlos. Während man sich wartend und unglücklich einreihte, tönte es kritisch von allen Seiten. Ich gewann immer mehr den Eindruck eines überkomplett ausgebuchten Schiffes mit einer verschwindend kleinen Menge an Personal an Bord. Schnell hatte sich nach mehr oder weniger langer Zeit des Wartens an der Rezeption so manches  Beschwerdegrüppchen gebildet. Ich hörte da so einiges. Beim Nachmittagstee zertraten sich die Reisenden oder fanden, ebenso wie in einem Buffett-Restaurant mittags, stundenlang keinen Platz. Verbal kann ich ich sehr zielführend argumentieren. Grandios meckern. Dabei auch noch grimmig schauen. Halt wie daheim, wenn Einstein die Luft verpestet. Emphatisches Verständnis wäre an der Stelle auch unangebracht.

Doch ich vermute, dass alle Beschwerden letztendlich  in den Wind gesprochen wurden. In den Fahrtwind und dort ungehört vom blauen Himmel, der uns die gesamte Reise verfolgte, absorbiert wurden.  Ich werde es nicht herausfinden. Mein Bedarf an Kreuzfahrten ist mir jedenfalls gründlich vergangen. Zumal ich von einem Offizier auf hartnäckiges Fragen meinerseits erfuhr, dass die Abfälle in einem Kamin in den Himmel geblasen und die Essenreste ins Meer verklappt werden. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass das Schiff von Dieselmotoren angetrieben wird.

Dafür war London ein Traum. Ich habe mich auf der Stelle in diese Stadt verliebt und werde wiederkommen.

Westminster Abbey
Den Job möchte ich nicht haben