98. Nahtoderlebnis bei Herzinfarkt

Nachdenklich
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Während um mich herum derzeit das Leben fröhlich pulsiert, sieht es mancherorts gänzlich anders aus.
Aus eigenem leidvollen, jahrelangen Erleben weiß ich, wie Krankheit und Tod unverhofft über uns hereinbrechen können. So geschehen bei einem meiner langjährigen Freunde: Cornelius. Seines Zeichens Kiefer- und Gesichtschirurg. Uns verbindet eine Jahrzehnte währende Freundschaft. Oftmals trat er in kritischen Situationen erfolgreich medizinisch intervenierend in meiner Familie auf.

Ich kann mich gut erinnern, wie er meinen Kindern den einen oder anderen Milchzahn entfernte. Nicht in seiner Praxis. Nein, bei Hausbesuchen. Selbstredend ohne weißen Kittel. Das hatte langfristig den Effekt, dass meine heute längst erwachsenen Kinder stets ohne Furcht und Schrecken eine Zahnarztpraxis aufsuchten. Daher haben meine beiden Kids makellose Zähne, um die sie viele beneiden.

Die zahnärztlichen Interventionen meines langjährigen Freundes Cornelius fanden seinerzeit an einem interessanten Ort statt. Cornelius marschierte mit dem jeweiligen Kind, dessen Milchzahn danach schrie, herausgenommen zu werden, in meine Küche. Dort habe ich im Bereich der Arbeitsplatte maximal gutes Licht. Fast wie in einem OP.

Er setzte vor dem „notwendigen chirurgischen Eingriff“ das zu behandelnde Kind mit einem beherzten Schwung auf meine wunderbar bestrahlte Arbeitsplatte. Dann holte er ein unbenutztes blütenweißes gebügeltes Taschentuch heraus und sprach: „Bitte Mund aufmachen!“ Schneller als das menschliche Auge beobachten konnte, umfasste er das winzige Zähnchen und drehte es mit einer kaum sichtbaren Bewegung aus dem Kindermund heraus. Mit diesem seinem Taschentuch. Völlig steril und unspektakulär.

Es gab in der Entwicklungsgeschichte des Milchzahngebisses meiner Kinder hinterher stets ein erleichtertes Strahlen in ihren Gesichtern, wenn Cornelius wieder mal völlig schmerzfrei Hand angelegt hatte in meiner Küche.

Mein alter Freund hat mittlerweile ein stolzes Alter erreicht. Gute Siebzig. Ein Mann in den besten Jahren – finde ich. Doch eine höher geordnete Instanz hat befunden, ihm ein paar ordentliche Rempler vor die Brust zu verpassen. Es fing vor fünf Jahren an. Zuerst entdeckte man ein Prostatakarzinom. Dann folgte der Darm mit Blutungen und fiesen Gewächsen darin. Zwei mal Krebs an verschiedenen Körperstellen.

Cornelius war stets ein hochsportlicher Mann, der früher Triathlet war und Marathon lief. Die erkrankten Teile von Prostata und Darm, die seine Gesundheit gefährdeten, ließ er konsequent entfernen.

Leider habe ich schon lange den Eindruck, dass der Boandlkramer (1) sich ungern ins Werk pfuschen lässt. Auch nicht von einem Mediziner oberster Gütequalität.

Unbarmherzig prügelte der knochige Schattenmann, der lange Zeit bei uns ein- und ausgegangen war, nunmehr auf Cornelius ein. Es kam bei meinem guten alten Freund zu einem heftigen Rückfall. Der Krebs war zurück und meldete sich mit Darmblutungen der heftigsten Art. Nach einer besonders fiesen Attacke mit Blutungen im Stuhl über Stunden, überfielen meinen alten Freund fürchterlicher Schwindel und Übelkeit.

Bevor der ehemalige Triathlet und Marathon-Mann drohte ohnmächtig zu werden, schaffte er es, in diesem ernsten Zustand noch den Notarzt zu alarmieren. Eine echte Leistung. Hut ab.

Im Krankenhaus angekommen war sein Hb-Wert abgesackt auf 3,5. Normal wäre ein Wert von 14 (in Worten vierzehn). Man verpasste ihm sieben Blutkonserven. Es ist unklar, was dann genau passierte. War es ein Transfusions-Zwischenfall?  Cornelius bekam jedenfalls plötzlich einen Herzinfarkt. Lag anschließend im Koma für die Dauer von sechs Stunden. Die Ärzte gaben ihr bestes. Als er aufwachte standen seine drei Kinder am Bett.

Er sagte später, es sei wie ein Wunder gewesen. Sein klinischer Zustand im Koma. Weit über sich selbst schwebend. Jahrzehnte lang hatte er mich wegen meiner spirituellen Ansichten verspottet. Ich musste innerlich schmunzeln als er berichtete, dass er eine Nahtod-Erfahrung der besonderen Art gemacht hatte. „Ich sah überall weißes Licht um mich herum. Es war total schön und ich fühlte mich gänzlich schwerelos und war dabei unendlich heiter gestimmt. “ Bedauernd ergänzte er: „Doch leider konnte ich weit und breit keine einzige Jungfrau entdecken!“.

Keine Jungfrauen weit und breit. Da kommt man glatt ins Nachdenken.

Man muss hinzufügen, dass Cornelius Zeit seines Lebens ein Don Juan war. Insofern vertraute ich seiner Aussage, dass er während seines Spaziergangs in der anderen Welt kein einziges weibliches Wesen entdeckt hat. Denn das wäre ihm unter Garantie nicht entgangen.

Im Krankenhaus wurden ihm sicherheitshalber zwei Stents eingebaut. Insgesamt verblieb er dort drei Wochen.

Wenn ich mir seine Lebens- und Krankheitsgeschichte anschaue, bin ich besorgt. Cornelius hat meines Erachtens lebenslang konsequent und erfolgreich die von ihm gesetzten Ziele verfolgt. Studium von Zahn- und Humanmedizin. Eine unvorstellbare Leistung meines Erachtens. Es folgte eine steile Berufskarriere an verschiedenen Münchner Kliniken. Dann gelang ihm der erfolgreiche Sprung in die Selbständigkeit. Zum Ausgleich vollbrachte er in seiner Freizeit außerordentliche sportliche Leistungen. Leider hat er sich damit auf Dauer alle Gelenke ruiniert. Dann die ewige Jagd nach Weibern bei tiefsitzender Angst vor Bindungen. Ein Mensch voller Extreme, über die man unterschiedlicher Meinung sein kann.

Cornelius zählt zu einem meiner treuesten Freunde. Die Welt voller Licht, die er kurz betreten hat, lenkte seine Aufmerksamkeit intensiv darauf, was wirklich zählt im Leben. Seine erwachsenen Kinder, die ihn bei seiner Rückkehr auf der vergeblichen Jagd nach Jungfrauen am Krankenbett liebevoll begrüßten.

(1) Tod