90a. Schulverweigerung

Vor einigen Monaten wurde mir ein 8jähriges Kind zugewiesen wurde, dass sich weigerte, in die Schule zu gehen. Ich bestellte zuerst die Mutter ein, um mir ein erstes Bild zu machen. Eine attraktive Frau Ende dreißig betrat meine Praxis. Auf dem Kopf trug sie einen riesigen Hut, der ihr ausgesprochen gut stand und den sie während des gesamten Gespräches nicht absetzte.

Sie sei seit einem Jahr geschieden und hätte eine Tochter, die sich seit einigen Wochen weigern würde, in die Schule zu gehen. Wenn sie sich doch zum Schulbesuch überreden ließ, verbrachte sie die erste Schulstunde irgendwo auf der Straße, um anschließend nach Hause zu marschieren.

Die Frage, ob es noch weitere Geschwister gäbe, wurde verneint. Was mir die Mutter zu dem Zeitpunkt verschwieg, war die Tatsache, dass sie seit einem halben Jahr einen Freund hatte, der bei ihr eingezogen war.

Das kleine Mädchen kam am nächsten Tag in die Praxis, setzte sich in einen meiner Stühle und sah mich dann erwartungsvoll schweigend an. Ihr Blick war freundlich, doch man konnte deutlich sehen, dass sie wenig oder gar keine Lust hatte, sich mit mir zu unterhalten.

Ich wollte sie anfänglich nicht mit einem Bombardement von Fragen traktieren und schlug ihr vor, sich doch mal meine Hunde Einstein und Madame anzusehen. Das Kind nickte freudig. Als die Bulldoggen sie freudig umkreisten, fing die kleine Patientin an zu grinsen und verriet mir anschließend ihren Namen. Sie hieß Petra.

Petra freundete sich binnen Sekunden mit meinen Pelznasen an. Daher kommunizierte sie ausschließlich mit den Hunden. Ich blieb weiter außen vor und wurde freundlich aber bestimmt ignoriert. Das war eine gute Lektion in Sachen „tiergestützter Interaktion“. Ein Tier öffnet binnen Sekunden alle Türen, ein Mensch verschließt sie manchmal.

So zog ich meine nächste Trumpfkarte aus dem Ärmel und fragte das Mädchen, ob sie Lust habe, mich während einer Gassi-Runde zu begleiten. Auf meinen Vorschlag reagierte sie mit einem begeisterten „Oh ja, gerne!“

Während wir mit den Hunden gemütlich dahin marschierten, erfuhr ich auf vorsichtiges Nachfragen, wer welche Aufgaben bei Petra zuhause übernimmt.

„Ja, meine Mami macht alles. Putzen, waschen, kochen. Und ihr neuer Freund tut nix“ höre ich. „Was heißt: „Nix? Gar nix? Das gibt’s doch nicht!“

Bei Hunden und kleinen Mädchen mache ich am liebsten kurze Ansagen. Alles andere verschwindet sonst nur in deren unergründlichen, weit verwinkelten Gehörgängen.

„Ja doch, a bissel was macht er schon. Nach dem Frühstück macht er sein erstes Bier auf.“ Ich hörte gespannt zu und quittiere das Gesagte völlig wertungsfrei mit: “Soso, aha!“ „Nach dem dritten Bier plärrt er herum und dann schlägt er meine Mutter, der Arsch.“

Alles klar. Danke Einstein. Danke Madame. Petra hat gesprochen. Mit mir. Während unserer Gassi-Runde.

Jetzt war natürlich sonnenklar, warum Petra nicht in die Schule ging. Sie wollte ihre Mutter beschützen. Das teilte ich Petras Mutter bei einem Gespräch unter vier Augen mit. Dann hörte ich niemals mehr etwas von der kleinen Patientin. Lediglich die Mutter berichtete einige Wochen später, dass die Schulleistungen Petras sich deutlich verbessert haben, nachdem der trinkfreudige Lover vor die Tür gesetzt worden war. Und dass Petra neuerdings Reitstunden auf einem Ponyhof bekäme.

Was mich an diesem Fall sehr berührte, war die Tatsache, dass meine Tiere „Einstein“ und „Madame“  wieder mal ausschlaggebend für die Etablierung einer vertrauensvollen Bindung zu mir waren und damit maßgeblich verantwortlich für den Therapieerfolg.