90. Phobien

Am liebsten behandele ich Patienten  mit Angsterkrankungen. Das hat damit zu tun, dass bei Phobikern der Leidensdruck enorm hoch ist und damit auch deren Veränderungsbereitschaft. D.h. ein Angstpatient wird bei einer Angst- oder Panikattacke von derart scheußlichen, nahezu unerträglichen Gefühlszuständen gepeinigt, dass er garantiert keine Lust hat, dies oft erleiden zu wollen. Insofern ist er mehr als jeder anderen Patient auf dieser Welt dringend daran interessiert, seine Ängste in den Griff zu bekommen.
Ist ein Phobiker bereit, das ganze Programm (1) mit zu machen, steht einem raschen Heilungserfolg nichts im Wege.
Bevor ich mit einem Angstbewältigungstraining beginne, wird der Patient erst mal über die physiologischen Begleitmechanismen der Angst aufgeklärt.
Angst ist ein „Überlebensmechanismus“. Wer angstfrei in München über den Stachus gehen würde oder versuchen sollte, eine mehrspurige Autobahn als Fußgänger zu überqueren, wäre binnen weniger Minuten mausetot.

Insofern garantiert das Auftreten von Angst, dass eine Gefahr im Anzug ist.

Wenn in der Steinzeit jemand einem gefährlichen Säbelzahntiger begegnete, hatte er drei Möglichkeiten, um zu überleben:

  1. Dem Säbelzahntiger mit dem Knüppel auf die Nase hauen. Das nennt man „Angriff“.
  2. So schnell wie der Wind abhauen. Das bezeichnet man als „Flucht“.
  3. Sich auf den Boden werfen, scheintot stellen, die Luft anhalten und so tun, als wäre man unsichtbar oder gestorben. Das heißt Totstellreflex und geht mit absoluter Bewegungslosigkeit einher. Ist allerdings von den genannten drei Reaktionsmöglichkeiten die unangenehmste Form.

Wer angreift oder davonläuft veranstaltet auf der motorischen, kognitiven und emotionalen Ebene eine riesige Aktion verbunden mit hohem muskulärem Krafteinsatz. Sobald das Gehirn registriert, dass sein Besitzer grandiose motorische Aktivitäten in Gang setzt, reagiert es mit Entspannung, weil es weiß, dass sein zu ihm gehöriger Mensch gerade kämpft oder davonläuft und somit bald aus der Gefahrenzone geraten wird.

Wer sich hingegen tot stellt, befindet sich in einem emotional-motorisch gespaltenen Zustand. Äußerliche Reglosigkeit/Totstellreaktion gepaart mit einem enormen physiologischen inneren Aufruhr, ähnlich einem Zustand kurz vor Vulkanausbruch.

Das Gehirn kurbelt sämtliche Mechanismen der Angst an. Dies diente früher der Bereitstellung von Angriff- oder Fluchtmechanismen. Ansonsten wäre man vom Säbelzahntiger gefressen worden.

Die physiologischen Reaktionsmuster muss man sich ähnlich wie bei einem Maikäfer vorstellen, der wild brummend und flügelschlagend kurz vor dem Abflug steht.

Beim Totstellreflex findet äußerlich nichts Beobachtbares statt. Wäre ja auch unklug, weil der Säbelzahntiger sein Opfer dann im nu entdecken würde. Im Inneren des Körpers tobt es heftig wovon nichts nach außen dringen darf. Also rast das Herz wie wild. Der Pulsschlag wird in maximale Höhen getrieben. Schweiß bricht aus. Es entsteht ein Globusgefühl im Hals. Sowohl Übelkeit als auch Durchfall können als weitere Begleiter auftreten. Das sind die physiologischen Begleiterscheinungen der Angst.

Ich betone immer, dass Angst eine Kraft ist und als Garant dafür gilt, um in Gefahrensituationen zu überleben. Meine Patienten sind immer ganz begeistert, wenn ich sie dazu auffordere, sich mit ihrer Angst zu verbünden.

Angst wird man nicht „los“ – sie dient als unser Begleiter und Beschützer. Kritisch wird es erst, wenn man anfängt, Angst davor zu bekommen, dass man Angst haben könnte.

Ich benutze gerne das Bild eines Toreros, der in der Arena steht und sich gegen den angriffswütigen Stier zur Wehr setzen muss. Das gehörnte Tier steht in diesem Bild symbolisch für die Angst, die man lernen muss, in den Griff zu bekommen.

Das Angstbewältigungstraining, das meine Patienten bei mir durchlaufen, vergleiche ich mit dem „roten Tuch des Toreros“ als ein Bündel von Handlungsmechanismen. Damit zwingen sie ihre Angst – den rasenden Stier- langfristig in die Knie, weil er irgendwann erschöpft zusammenbricht. Ohne andere Marterinstrumente einsetzen zu müssen, wohlgemerkt. Bei diesen Stierkämpfen überlebt der Stier selbstredend.

Doch es wäre ziemlich unklug, den Stier bei den Hörnern packen zu wollen und in den Sand zu werfen. „Das rote Tuch des Toreros“ symbolisiert die verschiedenen Angstbewältigungs-Strategien, die der Patient so lange durchläuft, bis die Angst sich zurückzieht und ihren Schrecken verliert.

Bevor jedoch Angstbewältigungs-Techniken überhaupt eingesetzt werden können, lernen die Patienten zuvor die unterschiedlichsten Entspannungsmethoden.

Dazu gehören Atementspannung, Jacobson Muskelrelaxation, Autogenes Training, hypnotherapeutische und verschiedenen andere meditative Methoden, damit sich der Angstpatient innerlich jederzeit an einen sicheren inneren Ort „beamen“ kann. Im Sinne von: „Ups, ich bin dann mal weg“.

Jetzt beschreibe ich im Folgenden wie Einstein als Präsenzhund mitarbeitet und mich bei der Angsttherapie unterstützt.

Bei der telefonischen Anmeldung der Patienten kläre ich vorweg ab, inwieweit jemand Angst vor Hunden hat oder gegen Hundehaare allergisch ist. Entweder wird Einstein dann weggeräumt oder darf so herumlaufen, wie er möchte.

Mein Haus hat lauter Split-Level-Ebenen. Der Praxis- Bereich im obersten Stock erstreckt sich über zwei Ebenen und bemisst sich auf ca.110 qm. Überall im Haus besitzen die Hunde verschiedene Körbe und haben dadurch jede Menge Rückzugsmöglichkeiten. Das gilt sowohl für den Privatbereich als auch für die Praxis.

Diagnostisch finde ich die Erstbegegnung Hund-Patient stets hochinteressant. Als ich vor etlichen Jahren meine Telefonrecherche noch nicht so differenziert gemacht hatte, tappte mir eine Patientin ins Haus, die beim Anblick von Einstein laut zu schreien begann und vor lauter Angst beinahe die Treppe rückwärts herunter gefallen wäre. Sie zeterte: „Tun Sie dieses Monster weg!“ Besagte Dame lief dann laut kreischend weg und kam nie wieder. Wenn ich ehrlich bin, habe ich das nicht bedauert.

Seitdem bin ich jedoch sehr vorsichtig geworden, wem ich meinen Therapiehund zumuten kann.

Bei der Erstbegegnung erlaube ich Einstein schrittweisen Zugang zum Patienten den ich jederzeit durch entsprechende Kommandos erweitern oder abbrechen kann. Das hängt vom Kontaktwunsch des Patienten ab.

Die Interaktion zwischen Hund und Patient verläuft immer wieder anders. Manche möchten am liebsten gleich mit dem Hund knutschen. Andere streichen über sein Fell entgegen (!) der Fellrichtung. Insofern erteile ich beim Erstkontakt ein paar Minuten „Psychoedukation“, d.h. ich verrate den Patienten, wie sie die Interaktion verstärken oder gänzlich abbrechen können.

Je nach Reaktion des Patienten eröffnen sich mir interessante Rückschlüsse. Ich habe im Laufe der Jahre verschiedene Beobachtungen und Erfahrungen machen können.

Je unkomplizierter und herzlicher sich ein Patient dem Hund nähert, desto stabiler scheint er zu sein. In der Regel entdecke ich bei der biographischen Anamnese dieser Patienten gesündere Anteile. D.h. in ihrer Persönlichkeitsentwicklung finden sich wenig oder keine Störungen bezüglich ihrer frühen Bindungen.

Hingegen finden sich bei den ängstlichen, selbstunsicheren und den Kontakt zum Hund abwehrenden Patienten auffallend mehr Entwicklungsstörungen in ihrer Anamnese.

Besonders spannend geht es dann weiter wenn ein Patient den Hund streichelt. Je länger er dies tut umso mehr entspannt sich der Patient und fängt nach kürzester Zeit an zu lächeln.

Die Patienten berichten von wohligen Gefühlen, die sie plötzlich verspüren. Sie genießen die Wärme des Hundekörpers zu ihren Füssen. Einmal hatte ich eine äußerst narzisstische Schauspielerin mit schweren Gewalterfahrungen in ihrer Kindheit, die ihre hochhackigen Pumps ohne mit der Wimper zu zucken in Einsteins Rücken bohrte, weil das so schön „warm“ war. Der Hund ließ es sich gefallen. Ich unterband diese Interaktion nach wenigen Sekunden.

Fest steht, dass ein Patient über die sensorische Wahrnehmung der Fingerspitzen und Handinnenflächen zum Körper des Tieres eine Verbindung aufnimmt, die zu Ausschüttungen verschiedener Hormone führt, die als „Glückshormone“ bezeichnet werden. So weit wurde dies wissenschaftlich erforscht und nachgewiesen. Unter anderem ist das Hormon „Oxytocin“ dafür verantwortlich, dass sowohl beim Hund selbst als auch bei seinem „Streichler“ eine Schwingungsebene angesprochen wird, die glücklich macht. Mensch wie Hund.

 

(1) Angstbewältigungstraining nach Markgraf/Schneider in: Lehrbuch der   Verhaltenstherapie, Band 1, Grundlagen, Diagnostik, Verfahren. Jürgen Markgraf  und Silvia Schneider, (Hrsg.), Springer Verlag 2008