89. Weitere Rückschau auf meine Therapiehunde

Mit der Zeit wurde der kleine Einstein ein wenig ruhiger. Gott sei Dank. Unsere American Bulldog-Hündin Alaska bemühte sich sehr, ihm gute Manieren beizubringen. Mit Erfolg.
Während ich arbeitete, behielt ich Einstein streng unter Kontrolle und versuchte, ihn so wenig wie möglich aus dem Blickfeld zu verlieren. Das bedeutete, dass er sich an stündlich wechselnden Publikumsverkehr gewöhnte.

Junge Hunde schlafen gerne und viel. Daran änderte der Trubel rund um ihn herum nichts. Englische Bulldoggen sind sehr phlegmatische Tiere, es sei denn, vor ihnen taucht ein Spiel- oder Fußballplatz auf.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Doch ich weiß mittlerweile genau, wann ich meine Leine zücken muss.

Unmerklich veränderte sich im ersten Jahr von Einsteins Präsenz die Atmosphäre in meiner Praxis. Die meisten Patienten genossen die Gegenwart des jungen Hundes.

Alaska war alles andere als geeignet, um sie in die Nähe von Patienten zu lassen. Zum einen hatte sie nicht annähernd die Ausstrahlung und den Charme wie der kleine Bulldog. Zum anderen war sie ein so riesiger Hund dass alle erst mal in Panik gerieten bei ihrem Anblick.

Insofern musste Einstein herhalten. Wobei ich eigentlich nur aus einer Not eine Tugend gemacht habe. Denn das kleine Bulldoggen-Ungeheuer fing zuletzt an, die Teppichböden zu ruinieren, die Leisten rundherum abzureißen und die dahinter liegende Wand anzunagen.

Marie gackerte albern :“Einstein hat wohl einen Kalkmangel, Mama“. Philip witzelte, dass ihm die Teppichböden auch nicht gefallen hätten.

So machte ich aus dem „Alles-Zerstör-Bulldog“ einen „ In-der Praxis-notgedrungen-dabei sein- müssenden- Hund“.

Mit jedem Tag wurde Einstein berechenbarer und vor allem folgsamer. Wenn er meine Befehle befolgte, bekam er Leckerlis. Wenn nicht, sah ich ihn bitterböse an und zischelte in unterschiedlichen Tonlagen „Pfui“.

Den Patienten erklärte ich so die Prinzipien der Verhaltenstherapie am Beispiel positiver beziehungsweise negativer Verstärkung. Da in meine Praxis sämtliche Altersgruppen von Frauen und Männern kommen, übertrug ich das Beispiel „Erziehung einer supersturen jungen Bulldogge“ auf die möglichen Kommunikations- und Umgangsregeln zwischen Mann und Frau.

Ich riet Frauen wie Männern, ihre Lebenspartner wie Einstein zu behandeln. Wenn sie den Müll runtertrugen, einander mit Komplimenten und Aufmerksamkeiten überschütteten, sollten sie liebevolle Anerkennung bekommen. Keine Leckerlis natürlich. Sondern positive Ansagen wie: „Das hast du hervorragend gemacht, Schatzilein“ oder: „Das freut mich außerordentlich, geliebtes Herz“.

Die Variationsmöglichkeiten in der individuellen Formulierung sind hier natürlich unbegrenzt. Nicht jeder Mann/Frau lässt sich gerne „Schatzilein“ nennen.

Das Prinzip war ganz einfach: schlussendlich sollte Jedermann/Frau in übertragenem Sinne „Sitz“, „Platz“, „Bring“ oder „Bleib“ irgendwann beherrschen, ohne zu merken, was ihm/ihr geschieht.

So konnte “Sitz“ als Synonym eingesetzt werden für: Sich hinsetzen und den Lebenspartner von oben bis unten aufmerksam betrachten und primär die positiven Seiten fokussieren. „Platz“ für ihn/sie in den Arm nehmen und herrliche Kuschelrunden machen.„Bring“ für kleine Aufmerksamkeiten, Blumen und andere herrliche Dinge. „Bleib“ für Konstanz in Beziehungen und Treue. Nur so als kleine Beispiele. Meine Patienten waren begeistert. So gingen die Tage ins Land.

Die Zerstörungswut Einsteins trat nur noch sehr selten auf. Aus ihm wurde geradezu ein Musterbeispiel eines entzückenden, die Patienten erfreuenden Präsenzhundes.

Mir hingegen wurde es allmählich langweilig. Die Katastrophenerlebnisse mit Einstein fingen mir und meinem Mann allmählich an zu fehlen. Daher fragte er mich bei einem Spaziergang, was ich denn davon hielte, Bulldoggen zu züchten. „Stell dir vor, wie süß das wäre, wenn lauter kleine Fellkugeln bei dir durchs Haus purzeln“.

Zuerst schossen mir Albtraum ähnliche Phantasien von Unmengen kleiner Bulldoggen-Monster durch den Kopf, die mich über Kurz oder Lang in den Wahnsinn treiben würden. Nach etlichen Diskussionen mit meinen Kids verlor die Perspektive einer Bulldoggen-Zucht ein wenig von ihrem Schrecken. „Oh wie geil wäre dass denn“ trompetete Philip und Marie überlegte sich schon die ersten Namen für einen A-Wurf.

Da ich in meinen Entscheidungen anfänglich meistens sehr zögerlich bin, irritiere ich manchmal Menschen, die mir nahestehen. Ich kann heute von einer Idee begeistert sein. Sehr sogar. Am nächsten Tag beginne ich daran zu zweifeln. Wieder einen Tag später fällt mir etwas noch besseres ein. Doch wenn ich nach einigem Hin und Her endlich DIE Entscheidung getroffen habe, setze ich sie im Nullkommanichts durch. Und das lieber übervorgestern als morgen.

So war es auch mit der Bulldoggen-Zucht. Ich rief meinen Super-Bulli-Züchter an und besprach mit ihm meine Idee. Voraussetzung war natürlich, dass ich eine Bulldoggen-Hündin brauchte die von der Blutlinie Einsteins so weit entfernt sein musste wie die Sonne vom Mond.

Wie zu erwarten war, hatte er das entsprechende Weibchen. Als meine Tochter und ich dort hinfuhren, präsentierte man uns eine blutjunge Bulldoggen-Dame der ganz anderen Art. Eine dunkle Maske zierte ihr Gesicht. Der restliche Körper besaß einen wunderschönen cremigen, etwas ins Dunkle gehenden Braunton. Auf alle Fälle gänzlich anders als unser Rüde. Ihr Name lautete „Madame“. Mein Herz schmolz dahin.

Während ich die Hündin – trotz aller Sympathie – erst mal noch von allen Seiten kritisch beäugte, war Marie verschwunden. In meiner Familie hat es sich immer als sehr gefährlich oder teuer erwiesen, wenn sich ein Familienmitglied mehr als drei Minuten irgendwo unbeaufsichtigt herumtrieb. Egal ob zwei- oder vierbeinig. So war es auch in diesem Fall. Meine Tochter war damals 21 Jahre alt, aber hatte genauso viele Flausen im Kopf wie meine jungen Hunde. Manchmal schlimmer.

Plötzlich kam sie strahlend ums Eck und drückte ein schwarzes Pelzknäuel an ihre Brust. „Schau mal Mama, ein Mops“. Ich schlug die Hände vor das Gesicht und schüttelte vehement mein Haupt. Das nahm Marie zum Anlass um kurz zu verschwinden und mit einem andersfarbigen pelzigen Tier im Arm erneut aufzutauchen. Diesmal handelte es sich – wieder um einen Mops. Doch farblich hatte er große Ähnlichkeit mit der hübschen Bulldoggen-Hündin, für die ich mich schon nach wenigen Sekunden entschieden hatte. „Er heißt Jakob“ flötete Marie und setzte ihr unwiderstehlichstes „Mama-ich-hab-dich-ja-soooo-lieb-Gesicht“ auf.

Zwei Augenpaare strahlten mich unwiderstehlich an. Die blauen Augen meiner Tochter und die braunen eines bildschönen Mops-Kindes namens Jakob. Der Züchter – der alle Schandtaten Einsteins bis ins Detail kannte – meinte, dass ich mit zwei jungen Hunden die schlimmsten Kollateralschäden verhindern würde. Erstaunt und fragend sah ich ihn an. Was er sagte, schien logisch. Zwei gleichaltrige junge Hunde sind mehr mit sich beschäftigt als mit der Demontage eines Einfamilienhauses mit Garten. Er sollte Recht behalten.

Folglich fuhr ich mit zwei Hunden nach Hause. Daheim erwarteten uns Alaska und Einstein. Mein Molosser-Rudel hatte sich binnen eines Tages verdoppelt. Ich habe es nie bereut. Zumal die Hunde sich nach kürzester Zeit zu einer Einheit zusammenfügten, die uns begeisterte.

Wenn ich von unterwegs nach Hause kam, standen alle Vier nebeneinander auf der Treppe, um mich zu begrüßen. Das sah aus wie eine gut einstudierte Zirkusnummer. Die riesige Alaska neben dem Zwerg Mops, daneben Einstein und Madame. Wenn sie schlafen gingen, dann meistens alle in ein gemeinsames Hundebett. Ich hätte niemals gedacht, dass Rudelhaltung derart wunderbar funktionieren würde.

(1) Das bezieht sich ausschließlich auf mein Privatleben. Beruflich bin ich selbstredend „Superwoman“. Weil dort lasse ich die Patienten selbst ihre Entscheidungen treffen.