03 • Gras unter meinen Pfoten

Rosa ist ziemlich einsilbig seit dem letzten Telefonat. Lange hockt sie in ihrer Praxis am Schreibtisch und hackt mit drei Fingerspitzen auf einem flachen Kasten (1) herum, telefoniert einige Male sehr aufgeregt, wirft den Hörer auf, verstummt dann plötzlich und starrt bewegungslos vor sich hin. Ich lege mich zu ihren Füßen nieder, setze meinen unschuldigsten „ich-kann-keiner Fliege-was-zuleide-tun-Blick“ auf und warte. Mir ist klar: was sie braucht ist dringend frische Luft. Die Zeit verstreicht. Meine Geduld auch. Daher muss ich die nächste Dringlichkeitsstufe einschalten … Kopf heben, vorwurfsvoller Blick, leichtes Seufzen, dann Aufstehen, unruhiges Herumtänzeln um den Schreibtisch. Ah, endlich, sie sieht zu mir, hebt fragend eine Augenbraue. Also, sie hat`s immer noch nicht kapiert, guckt bloß blöde. Ich will raus, die Dame muss ihren Hintern erheben. Ich will Gassi gehen und sie soll endlich ihren Scheißklimperkasten zuklappen.
Nun denn, Stufe drei – Luft verpesten. Das kann ich hervorragend. Ich kneife ein wenig die Bauchmuskeln zusammen, entspanne gleichzeitig meinen Po, dann macht es brlbrlfffftttt (2), und wie durch ein Wunder hält sich meine Psychologin die Nase zu und sagt „Einstein, du bist ein Schweinstein“! Dann endlich, das erlösende Signal: “Auf geht’s, gehen wir Gassi”. Der Klimperkasten macht didadingdongdeng und ich rase schon mal die Treppe hinunter mit einem Getöse, was man nur in einem Einfamilienhaus in exklusiver Alleinlage machen darf. Würden wir in einer Mietwohnung leben, hätte man mich schon längst erschlagen oder vergiftet, behauptet Rosa manchmal.

"Alles einsteigen!"

Nachdem wir Hunde unsere Halsbänder umgelegt bekommen haben geht es in Richtung Garage. Hier steht ein Auto, mit einer riesengroßen Klappe und einem Kofferraum, in den eine ganze Bulldoggenfamilie mit Onkel und Tante und Nichte und Cousine passt.
Alaska wiegt dreiundvierzig Kilogramm und wartet raffiniert bis sie hochgewuchtet wird. Lediglich ihre Vorderpfoten legt sie an den Fahrzeugrand um wenigstens den Anschein zu erwecken sie würde ein bisschen Eigeninitiative zeigen. Ich könnte lässig hochspringen, aber den Teufel tue ich, Alaskas Trick ist klasse –  also auch Vorderpfoten hoch, gemütlich schauen.

Wild entschlossen greift meine Psychologin mir unter den Bauch und hievt mich ins Auto. Göttlich. Auf diesen Körperkontakt warte ich immer sehnlichst. Mit der rechten Hand packt sie mich zwischen den Hinterbeinen, ganz vorsichtig und sensibel, ein paar Zentimeter danebengegriffen könnte mir große Schmerzen bereiten, denn da habe ich meine höchst empfindlichen männlichen Attribute. Mit der linken Hand fasst sie mir zwischen die Vorderbeine, fährt unter die Brust und lädt meinen mächtigen Schädel für einen innigen Moment auf ihre Schulter. Ach Rosa, meine Göttin, wenn dieser Moment doch ewig dauern würde, bete ich heimlich. Doch der Traum ist nur von kurzer Dauer. Da ertönt das Kommando:  „Kopf zurück, Nase weg“. „Ab geht`s“ brummt sie, der Kofferraumdeckel wird zugeknallt, dann springt der Motor an und wenige Minuten später wittern wir beim Aussteigen frische Seeluft.

Endlich frische Seeluft!

Ich rase los, weil ich ein lieber Hund bin. Gleich Richtung Wasser. Egal zu welcher Jahreszeit. Alaska hat eine Schleppleine um, weil sie kein lieber Hund ist. Ohne dieses Leinenteil würde sie stundenlang und mit wachsender Begeisterung jedem Karnickel nachjagen.

Neben dem See gibt es einen kleinen Berg. Der ist an der Ostseite durchlöchert von kleinen Höhlen. In jeder Höhle lebt eine putzige Karnickelfamilie. Sagt Alaska. Sie ist sehr frustriert, dass sie nicht jagen darf. Aber ich bin glücklich. Denn jetzt spüre ich es, nach all der Plackerei in der Praxis mit lachenden oder weinenden Patienten, endlich Gras unter meinen Pfoten. Der Boden ist weich, federnd, es duftet köstlich, ein wenig moorig, insbesondere in der Uferregion herrlicher Baatz.

Auf dem Wasser in sicherer Entfernung zahlreiche schwimmende Wassertiere, die mich spöttisch beobachten weil sie wissen, dass sie fliegen können, wenn ich zu nahe komme. Gemeinheit. Ich renne, bis mir die Lunge wehtut und erlebe Rosa plötzlich immer leichter werden. Ihre negative Stimmung von vorhin scheint sie mit jedem Schritt abzuwerfen, sie lacht plötzlich, wirft Stöckchen.
Oh wie wunderbar, die Welt ist in Ordnung. Nach einer knappen Stunde haben wir es geschafft. Die Gesichtsfarbe meiner besten Freundin sieht gut aus, durchblutet, die Augen funkeln, blitzen fröhlich. Sie murmelt etwas von „in die Badewanne gehen“ und „saumüde sein“. Jetzt heißt es „Ab ins Auto, heimwärts geht’s“.

Fußnoten:
(1)  Computer
(2)   Geräuschvoller Pups (Blähung)