02 • Krisenalarm

Dieser Vormittag heute, einfach herrlich, alles im grünen Bereich, lauter nette Patienten. Einstein hat außer ein paar grauenvollen Blähungen keine weiteren erwähnenswerten Vorkommnisse geliefert, war verständnisvoll zu den Patienten und hat sich – je nach Sympathiegrad – zu einigen von ihnen sogar vertrauensvoll hin gekuschelt.
Es ist rührend zu beobachten, wie sich die Gesichter wandeln und die Stimmung schlagartig besser wird, wenn der Hund in Kontakt tritt und eine ganz besondere emotionale Schwingungsebene herstellt, die schwer zu beschreiben ist.

Jedenfalls verlasse ich die Praxis in bester Laune … Ich marschiere beschwingt und gut gelaunt in meine Küche um meinem Mann und mir etwas zum Essen zu bereiten und die Hunde abzufüttern, als plötzlich das Telefon bimmelt: Anonymisierte Rufnummer auf dem Display. Frechheit. Ich hebe ab.
Eine unangenehm schnarrende Männerstimme. Blafft mich an. Unfreundlich. Der Tonfall arrogant. Schnösel! Da ich die Techniken der gewaltfreien Kommunikation beherrsche, frage ich höflich und distanziert, um was es denn ginge.
„Ja, hier ist der Freund von Ihrer Patientin XYZ. Ich habe sie gestern in die Psychiatrie  einliefern lassen, weil sie versucht hat sich umzubringen“.
Mein Blutdruck steigt trotz Betablocker, die ich bei adipöser Statur und viel zu wenig Ausdauersport regelmäßig einwerfe.
„Wiiiie bitte  ????? “ Leichter Hand- und Achselschweiß bilden sich unmittelbar.
Ich halte die Luft an, ungläubiges Entsetzen stellt sich ein. Meine emotionale Befindlichkeit können meine Hunde übrigens lesen. Wie sie das machen ist mir ein Rätsel. Beide reagieren höchst unterschiedlich. Alaska zieht den Schwanz ein und verkrümelt sich sicherheitshalber in ihren Hundekorb. Weit weg. Sie ist die klassische  „Konflikt-Vermeiderin“. Einstein macht ein fragendes Gesicht und kommt besorgt näher. Toller Kerl, sehr empathisch, fürchtet sich vor nichts.
Der Typ am Telefon lässt nicht locker. „Ich möchte dringend mit Ihnen sprechen, weil ich wissen will, wie das passieren konnte. Sie sind doch Ihre Therapeutin“.

Peng. Solche Geschichten kenne ich aus Tatort-Krimis oder schlechten Psycho-Soaps. Egal ob im Film oder im richtigen Leben – wenn ein Patient versucht sich das Leben zu nehmen bedeutet das für den Behandler den “Super Gau“.

In dreißig Jahren Berufspraxis ist mir noch niemand hops gegangen. Vielleicht hatte ich auch nur Glück. Doch jetzt, unfassbar. Meine Patientin, ein wundervolles bildhübsches Geschöpf Ende Zwanzig war in der Psychiatrie gelandet. Sie hatte sich vorher besoffen und dann die Pulsadern aufgeschnitten. Ich entschließe mich ganz lapidar zu fragen: „Was hat Ihre Freundin veranlasst, sich das Leben nehmen zu wollen?  Was war der konkrete Auslöser?“

Der Mann am anderen Ende der Leitung fährt fort: „Ich habe ihr eröffnet, dass ich es mit ihr nicht mehr aushalte. Das habe ich ihr schon einige Male gesagt, aber sie wollte es nicht wahrhaben. Außerdem habe ich jemand anderen kennen gelernt. Das habe ich ihr zuletzt an den Kopf geworfen und das hat sie wohl nicht verkraftet”.

Das Paar befand sich seit längerer Zeit in einer Krise. Hartnäckig hatte die Patientin die Unterschiede ihrer beider Erwartungen und Persönlichkeiten geleugnet.
Doch dann kommt die ganze Wahrheit auf den Tisch. Was dieser Typ in einer Nacht- und Nebelaktion versucht hatte, war nun echt nicht die tolle Nummer. Klammheimlich war er mit einem Möbelwagen angerückt, um das Haus auszuräumen, als er sie auf einer Geschäftsreise wähnte. Doch es war das falsche Wochenende und meine Patientin hatte ihn dabei erwischt.
Jedenfalls verspreche ich dem Kerl am anderen Ende der Leitung, mich schnellstens um seine Freundin zu kümmern, gegebenenfalls in die Psychiatrie zu fahren. Anschließend tätige ich einige Anrufe.

Ziemlich nachdenklich rufe ich dann meine Hunde und erkläre ihnen, dass wir jetzt erst mal Gassi gehen.