04 • Der Finger am Abzug

Heute kommt ein junger Mann zum Erstgespräch. Auf den ersten Blick recht attraktiv. Blaue Augen, sportliche Figur, etwa ein Meter fünfundneunzig geballte Kraft. Er strahlt eine Unruhe aus, die mir stellenweise den Atem raubt. Ich reagiere immer sehr intensiv auch auf ganz feine Schwingungen. Der Patient hockt während des gesamten Gesprächs angespannt und sprungbereit auf der vorderen Stuhlkante. Neben seiner Nervosität und Gehetztheit kann ich deutlich bei ihm Angst spüren. Ja genau, panikartige Angst und Anspannung. Einstein geht auf Abstand. Das ist sehr ungewöhnlich für den Hund, da er sonst spontan Kontakt aufnimmt.

Der Patient berichtet, dass ihn seine Ehefrau ein Jahr nach der Hochzeit verlassen habe. Seltsam, denke ich mir. Ein attraktiver Mann, beruflich erfolgreich, gut aussehend, strotzend vor Energie. Wird verlassen. Warum wohl?  Er sei ein erfolgreicher und viel beschäftigter Mann. Manager. Sechzig bis achtzig Stunden arbeite er pro Woche.

Auf die Frage, wie er das alles aushalte, erfahre ich, dass er passionierter Jäger sei in seiner Freizeit. Hier erhole er sich. In seinem Jagdrevier. Doch dann jagen mir Schauer über den Rücken als er fortfährt zu erzählen. Als Jäger habe er einen Waffenschrank. Ansehnliche Sammlung von Gewehren und Pistolen. Ich falle fast vom Stuhl als er berichtet, dass er mit einer Schrotflinte auf seine Frau losgegangen sei. Sie bedroht habe. Weil sie ihn verlassen wollte. Zum Glück nicht abgedrückt, aber er war nahe dran. Schreiend sei sie davongelaufen. In Todesangst. Seitdem ist sie verschwunden.

Einstein hebt den Kopf und mustert den Patienten genau, nimmt Witterung auf, die Nasenlöcher geweitet, die Ohren aufgestellt. Ein Haar nach dem anderen entlang der Wirbelsäule richtet sich auf. Es ist nicht zu fassen. Kluger Hund. Das macht er immer, wenn er sich bedroht fühlt oder sauer ist. Durch das Aufstellen des Felles bewirkt er eine Vergrößerung seines Erscheinungsbildes um optische fünf Zentimeter – mindestens! Das verleiht Größe und flößt dem Gegner Respekt ein. Ich überlege derweil: wieso macht der Patient so einen Blödsinn. Das hätte ja auch übel ins Auge gehen können. Ich kenne eine Reihe von Mordfällen, wo supernette Männer plötzlich ausgetickt sind und jemanden umgebracht haben. Brave Familienväter, unauffällig, gutmütig, aufopfernd. Dann plötzlich legt irgend etwas in ihnen den Schalter um und sie begehen einen Mord. Im Affekt.

Mein Patient hier hat seine Frau zum Glück nicht umgebracht, aber er war knapp davor. Mich beschleicht der Verdacht, dass dies das endgültige Aus für seine Ehe bedeutet. Keine Frau der Welt, wenn sie nur ansatzweise Grips im Hirn hat, lässt sich bedrohen oder wie Wild jagen. Dann berichtet der Patient ohne Umschweife weiter, dass er arbeitssüchtig sei. Kommt häufig vor bei Managern. Daher dieses Unruhige, Gehetzte in seinem Blick. Er packt weiter aus und mir bleibt stellenweise das Herz stehen. Ich höre, dass es häufig Streit gab. Seine Frau hatte sich sehr vernachlässigt gefühlt. Wenn sie sich beklagte, bedrohte er sie verbal. Sobald sie mehr von ihm forderte, schmiss er sie aus dem Haus. Einmal habe er ihre Klamotten in Mülltüten verpackt und aus dem Fenster geworfen.

Wenn ihn die Wut überkommt, kenne er sich nicht mehr. Dies sei schon seine zweite Ehe. Die erste hat er auf ähnliche Weise in den Graben gefahren. Auch innerhalb
kurzer Zeit.

Ich diagnostiziere eine Impulssteuerungsproblematik bei Verdacht auf schwerer Persönlichkeitsstörung. Ich hoffe, wir entdecken bald angenehmere Seiten des Patienten.  Wenn er mich nicht immer so anstarren würde…

Irgendwie verstehe ich jetzt die höfliche Distanz meines Therapiebegleithundes und seine “haarsträubende Reaktion” von vorhin.