106. Advent, Advent, ein Lichtlein brennt

Meine Rudelführerin ist in letzter Zeit spitze drauf. Ihre Praxis läuft wie geschmiert. Die Therapieerfolge der Patienten können sich sehen lassen. Zumindest bei denen, die Rosas Anweisungen, insbesondere was die Bewegung an frischer Luft anbelangt, brav befolgen.

Privat geht es uns allen ausgezeichnet. Das Projekt „Großfamilie“ funktioniert bestens. Rosas Wäschetrockner ist im Dauereinsatz. Ebenso ihr Auto. Das nennt man Elektrogeräte- und Autosharing. Im Klartext bedeutet es, dass irrsinnig viel Geld gespart wird. Das behaupten die hauptsächlichen Nutzniesser. Rosa geht jetzt seeehr häufig zu Fuss. Ich bin mir nicht sicher, ob sie das wirklich so genießt wie ich. Dann sehe ich sie häufiger wie früher ihre Wäsche im Keller aufhängen, während der Trockner vergnügt tausende winziger Babysachen herumwirbelt.

Clara entwickelt sich von Tag zu Tag zu einem immer bestaunenswerteren kleinen Menschenskind. Sie riecht nicht mehr ganz so köstlich wie in den ersten Monaten. Aber das sei ihr gnädig gestattet. Wenn sie uns Hunde sieht, dann brabbelt sie ganz aufgeregt und es läuft ihr ein wenig Sabber aus dem entzückenden kleinen Mündchen. Dasselbe geschieht, wenn sie den mütterlichen Busen erblickt oder – neuerdings – kleine Gläschen mit köstlichen Dingen darin. Ein wenig skeptisch macht es mich schon, dass mein oder Madames Anblick ihre Speichelsekretion in Gang setzt. Ich möchte kein lecker Hundi sein. Besser ein Hund, auf den man sich liebevoll draufschmeisst und von Kopf bis Fuss abknutscht. Kommt Zeit, kommt Knuddelspass mit Clara, tröstet mich meine Chefin.

Ich weiss aus ihren vielen Erzählungen, dass Philip (das ist der Papa von Clara, you remember ), bevor er überhaupt krabbeln  konnte, als Baby auf Rosas Riesenschnauzerhündin „Afra“ gesetzt wurde. Um den Winzling nicht versehentlich abzuwerfen, ließ sich die riesige Hündin blitzartig auf ihrem Hinterteil nieder, während der stürmische Philip sich glückselig in ihrem zotteligen Fell verkrallte während sie still hielt und nicht mal mit der Wimper zuckte. Afra war ein sagenhafter Hund mit einem mütterlichen Instinkt, der seinesgleichen suchte. 

Schon damals war meine Rosa tierverrückt ohne Ende, sodass zu ihrer Familie auch eine Katze namens  „Mimi“ gehörte. Als Mimi ihre ersten Babys warf, entspann sich ein bemerkenswerter  Kampf zwischen Afra und Mimi, wer wohl die bessere Katzenmutter sei. Sobald sich Afra unbeobachtet wähnte, weil Mimi Mäuse jagte oder anderen Unsinn anstellte, schlich Afra zum Katzenkorb. Sie nahm ein Kätzchen nach dem anderen zwischen ihre Zähne und trug sie in ihrem furchterregend grossen Maul zu ihrem Hundekorb, ohne ihnen auch nur ein Haar zu krümmen. Zur Krönung des ganzen bekam Afra einen Milcheinschuss. Der endete abrupt, als Rosa die kleinen Kätzchen zum Trinken an Afras Zitzen legte. Als die nämlich genüsslich anfingen, mit ihren kleinen Krallen das Gesäuge der Riesenschnauzerhündin zu bearbeiten, damit der Milchflug besser sprudelte, jaulte Afra schmerzhaft auf und dann war Schluss mit Hundemilchgenuss. Mir machen diese Geschichten Mut. Mit einem Milcheinschuss kann ich leider nicht dienen. Vielleicht Madame?

Doch noch dürfen wir nicht so recht an Clara ran. Philip ist als Krabbelkind am liebsten unter den Tisch zu Afra gekrochen und kuschelte sich an sie. Afra verhielt sich wie eine gute Mutter und wärmte den winzigen Knirps mit ihrem Schädel, den sie ihm wie eine Zudecke auf sein kleines Körperchen legte. Also das würden Madame und ich locker hinkriegen. Doch leider ist Rosa derzeit damit beschäftigt, ihr Haus und das von Philip weihnachtlich zu schmücken statt uns die kleine Clara zum Aufpassen unterzuschieben.

Wenn ich mir die Aktivitäten zum Thema „Advent – Advent – ein Lichtlein brennt, erst eins, dann zwei, dann drei, dann hunderte“ betrachte, führte Rosa geradezu hypermanisch Regie. Ausnahmsweise durfte sie ihre weihnachtlichen Einkäufe mit dem Auto machen und musste nicht zu Fuss alles herbeischleppen. Bei ihrer Rückkehr rief sie begeistert, dass sie heuer so richtig kaufrauschig sei während sie unendlich viele Kugeln und Schachteln ins Haus schleppte.

Die eigentlich wesentliche Hauptarbeit erledigte aber Marie, die das Haus mit ihrer sensationellen Fähigkeit für gutes Design zum Strahlen brachte und anschließend stundenlang im Garten irgendwelches Leuchtzeugs aufhing mit liebevoller Rücksicht auf Bäume und Büsche.  

Als gestern die Dunkelheit hereinbrach, war ein Wunder geschehen. An allen Ecken und Enden funkelte und leuchtete es. Advent, Advent, ein Lichtlein brennt. Bei uns sind es Hunderte. Maßgeblich verantwortlich für die geleistete Arbeit war Marie, die es mit ihrem Charme geschafft hatte, am Ende auch noch ihren Bruder Philip einzuspannen. Meine Chefin begnügte sich damit, die durchfrorenen Herrschaften mit Glühwein vor dem Erfrieren zu retten. Dann verkündete sie, dass ihr vom Zuschauen so kalt geworden sei, dass ihr jetzt nur noch unsere Sauna auf die Beine helfen würde. Dahin entschwand sie mit strahlendem Gesichtsausdruck, den ihr wohl der Glühwein – aus meiner Sicht völlig unverdient – verlieh. Mir persönlich erklärte sie nach dem vierten Saunagang, dass Glühwein in der Sauna wunderbarerweise bis zum letzten Tropfen sehr heiss bleibt. Ich hoffe, sie hat ihn definitiv nur getrunken und nicht als Aufguss verwendet.

105. Gewalt in der Ehe

 

IMG_0873 (1)

Vor zwei Wochen kam eine sehr chic gekleidete, überaus schlanke Dame in meine Sprechstunde. Ich erschrak, als ich ihre Versicherungskarte in mein Praxis-Abrechnungsprogramm einlas und auf ihr Geburtsdatum blickte. Die Frau, die vor mir stand und mich mit düsterem Blick vorsichtig und scheu von der Seite ansah, hätte ich locker auf siebzig geschätzt. Sie machte den Eindruck eines völlig verschreckten Tieres. Die neue Patientin war gerade mal 50 Jahre alt. Ich war schockiert und konnte es kaum fassen. Selbstverständlich ließ ich mir mein Entsetzen nicht im geringsten anmerken. Interessiert beobachtete ich ihre Körpersprache. Ich sah eine schrecklich vorgealterte Frau mit eingezogenem Kopf und nach vorne hängenden Schultern, die eine schier unermessliche Last zu tragen schienen. Ich musterte verstohlen ihr Gesicht. Tiefe Falten hatten sich darin eingegraben. Es waren Einkerbungen des Lebens, die von Angst, Wut und Entsetzen sprachen. Der Mund verriet alles andere als Lebensfreude –   wie ein dünner, nach unten gezogener Strich verlieh er ihrem Gesicht den Ausdruck von „das Leben ist Scheisse“.

Als die Patientin begann, ihre Lebenssituation zu schildern, musste ich mich sehr darum bemühen, nicht in laute Schreikrämpfe zu verfallen. Mein treuer Einstein spürte sehr genau, in welchen inneren Aufruhr und Einsetzen ich zunehmend geriet und schmiegte sich eng an meine Seite, die Vorderpfoten steil aufgerichtet, das Rückenhaar gesträubt, so als wolle er mir innere Sicherheit verleihen.

Die Patientin berichtete, dass sie seit dreissig Jahren verheiratet sei und zwei erwachsene Kinder habe. Ihren Mann kenne sie seit der Schulzeit. Elektroingenieur. Mit besonderen Neigungen. Leider ziemlich schmerzhaften. Dann hörte ich von täglichen Ritualen. Brutaler Sex. Täglich. Die Patientin habe ihren Gatten in High Heels zu empfangen und müsse ein Lederhalsband um den Hals tragen, an dem sie herumgezerrt und „in Stellung“ gebracht wird. Meine Patientin habe sich aber nicht nur in der Horizontalen bedingungslos zu unterwerfen. In Haus, Hof und Garten sei sie Sklavin für alles. Der Göttergatte kommandiere sie herum und liesse sie selbst schwerste Arbeiten verrichten, während er in seinem Arbeitszimmer sich Pornos oder Ballerspiele reinziehe. In der Vergangenheit habe er sie mehrfach geschlagen. Einmal verpasste er ihr zwei Veilchen und sie musste jedermann erzählen, dass sie mit dem Kopf beim Fahrradfahren unglücklich auf den Lenker aufgeschlagen sei.  Ein paar mal habe er sie die Kellertreppe heruntergestossen. Das endete mit einem Arm- oder Beinbruch. Hoppla, schon wieder war sie „mit dem Fahrrad verunfallt“.

Auf meine Frage, ob sie sich von ihrem Ehemann trennen oder lieber bei ihm bleiben möchte, zuckte sie mit den Schultern und meinte, dass ihr Mann doch auch seine guten Seiten habe. Mich überfiel eisiges Entsetzen. Gleichzeitig spürte ich genau, dass die Patientin außerstande war, ihren Mann zu verlassen. Zu sehr hatten die alltäglichen Automatismen von Gewalt und Terror sie zur willigen Sklavin ihres brutalen Herrn geformt und waren selbstverständlich geworden. In Ermangelung einer wie auch immer gearteten  Veränderungsbereitschaft blieb mir lediglich übrig, die Patientin mit guten Adressen zu versehen, wo sie sich hinwenden könnte, wenn sie es definitiv nicht mehr aushalten sollte. Frauenhaus. Der Verein „Trennung und Scheidung (Tusch)“. Letzteres ist eine Organisation, die sich ausschließlich auf die Beratung von Frauen spezialisiert hat und verschiedene Fachleute wie Juristen und auch Psychologen im Netzwerk hat.

Kopfschüttelnd blickte ich der Patientin nach, als sie aus meiner Praxis schlurfte. Hoffnungslos. Resigniert. Ein furchtbar armer Mensch. Eine Person ohne jegliches standing. Nicht der Hauch von Persönlichkeit. Von ihrem Gatten komplett zerstört. Eine jahrzehntelange Tortur von Gewalt-  körperlicher wie psychischer – mit ständigen Übergriffen.  Das Sahnehäubchen: Täglicher Sex. Aus meiner Sicht nichts anderes wie Vergewaltigung. Aber die Patientin schien daran Gefallen zu finden. Bei der Beschreibung der Vorkommnisse benutzte sie eine Sprache, die mir ganz und gar nicht gefiel, während sie lächelte.

Helfen kann man nur jemandem, der auch gewillt ist, sich auf den Weg der Gesundheit und Veränderung zu begeben. Auf klares Nachfragen, wohin die Reise gehen solle, wurde mir keinerlei Arbeitsauftrag erteilt. Folglich sah ich null Aussicht auf Erfolg. Mir schien in diesem Fall eher ein tragisches Ende in Sicht. Diese Patientin würde sicher vor ihrem Mann sterben und ich hatte das dumpfe Gefühl, dass das nicht mehr lange dauern würde. Einen Folgetermin sagte die Patientin übrigens kurzfristig ab. Mit der Begründung, dass sie mit Vorbereitungen für Weihnachten und Sylvester beschäftigt sei und der Frage, was sie kochen solle. Sie müsse neue Rezepte ausprobieren mit den Kriterien, es solle super schmecken, in kurzer Zeit fertig sein und zusammenpassen. Deswegen würde sie jetzt täglich üben.

Prost Mahlzeit – mehr fiel mir zu dem Thema nicht mehr ein. Nach dem Telefonat mit der Patientin spürte ich einen sanften Rempler von hinten in meinen Kniekehlen. Einstein. Als wolle er sagen: „Los, Chefin, geh` mit mir eine Gassi-Runde. Wenn du der Dame von vorhin nicht helfen kannst, dann wenigstens mir. Ich muss dringend Pippi machen! Und dir schadet etwas frische Luft nicht im geringsten. Auf geht`s!“

IMG_1736

 

104. Kopflandschaften

IMG_1166

Eine beliebte Therapiemethode meiner Chefin besteht darin, ihre Patienten in die Natur hinaus zu jagen. Ich persönlich liebe ausdauerndes Ruhen und Schlafen und dabei lauthals schnarchen.

Rosa behauptet, dass das Gehen in der Natur viel mehr bedeute als nur die reine körperliche Bewegung. Das Gehen sei eine Methode, um die Welt im Kopf neu zu ordnen. Ich finde, dass Rosas Methode extrem ungemütlich ist und sie gleichzeitig an die unteren Extremitäten ihrer Patienten (und selbstredend auch an die meinen) einen hohen moralischen Anspruch erhebt. Es wäre doch wesentlich gemütlicher, auf seiner Couch hocken zu bleiben und sich von dort aus Gedanken über Gott und die Welt zu machen.

IMG_4111

Rosa glaubt ernsthaft, dass der Mensch, der aufsteht und sich bewegt, sofort anfängt die Perspektive zu wechseln. Wenn jemand in die Gänge gekommen ist, verändert er leichter seinen geistigen Standpunkt.

Gleichzeitig funktioniert die Informationsvermittlung besser im Gehen als im Sitzen. Wer durch die Landschaft wandert, nimmt sie mit allen Sinnen wahr und lässt sie damit durch seinen Kopf ziehen. Behauptet Rosa.

Spaziergänge sind für meine Chefin eine optimale Möglichkeit, um zu neuen Ansichten zu gelangen und die Gedankenlandschaft im Schädel auszuweiten. Beim Gehen versenkt man sich über die Beobachtung der äußeren Vorgänge  nach und nach in das eigene Innere, lässt die Gedanken schweifen und erlebt damit gedanklichen wie zeitlichen Freiraum.

Das Gehen hat eine lange Geschichte, doziert sie gerne. Überliefert sind die täglichen Spaziergänge von Immanuel Kant durch Königsberg und die Wanderungen von Friedrich Nietzsche im Oberengadin, der da sagte: „Die Zehen regen sich, um besser zu hören“.

Lange galt das Wandern als altmodisch bis spießig. Erst in den vergangenen Jahren wurden diese Aktivitäten richtig populär. Pilgern als Form der Selbsterfahrung boomt. Jede Menge Menschen sind alljährlich auf den Jakobswegen unterwegs und das oftmals auch ohne religiösen Hintergrund.

Zum Glück erhebt meine Chefin keine hohen Ansprüche an ihre Patienten, was deren körperliche Aktivierung anbelangt. Sie sagt, 25 Minuten reichen um den Stoffwechsel in Gang zu bringen. Idealerweise solle man ins Schwitzen geraten. Wer`s lieber gemütlich mag, muss sich lediglich entsprechend warm anziehen um zu transpirieren.

Bei meinem Fellkleid habe ich keine Wahl. Es ist und bleibt fast immer das selbe. Im Winter wächst es verstärkt, im Frühjahr und Herbst verliere ich zum Leidwesen meiner Rudelführerin pfundweise Haare. Glücklicherweise verschont mich Rosa mit neckischen Mäntelchen, wie sie so manch andere geplagte Vierbeiner beim Gassigehen tragen müssen.

Bei meiner Klugheit und tiefsinnigen Erkenntnisfähigkeit über die Menschen und die Dinge auf unserem Erdboden benötige ich keine tiefschürfenden Spaziergänge, um Gedankenlandschaften in meinem sturen Bulldoggenschädel zu erzeugen. Mir genügt der Anblick von Katzen oder Igeln, um mein Blut in Wallung zu bringen und zu wissen, was als nächstes wichtiges ansteht: Katzen jagen oder Igel fressen. Tatsache. Letzteres beherrsche ich meisterhaft.

 

103. Biographischer Hintergrund einer depressiven Patientin

IMG_7662Ein faszinierender Fall beschäftigt mich seit etlichen Wochen. Eine gänzlich ausgebrannte Chirurgin. Nennen wir sie Carola Meier.

Bei Erhebung ihrer Anamnese bin ich auf eine ebenso dramatische wie ungewöhnliche Geschichte gestossen. Ihr Vater war ein Topmanager. Mit 60 Jahren verstarb er an einem Herzinfarkt. Da war die kleine Carola acht Jahre alt. Ihre Mutter verkraftete den Tod ihres Mannes wenig oder gar nicht und verfiel in eine schwere Depression, die schubweise verlief. Drei Monate tiefe Trauer und Apathie wechselten sich ab mit Monaten gehobener Stimmung. So ging es munter dahin.

Als Carola 25 Jahre alt war brachte sich ihre Mutter um. Mit unzähligen Tabletten. Zahllose Suizidversuche waren dem vorangegangen. Irgendwie hatte Carola es jedoch immer geschafft, die Mutter – manchmal  in der letzten Sekunde – per Notarzt in eine Klinik einliefern zu lassen.

Solange Carola zurückdenken konnte, fühlte sie sich immer in einer verantwortlichen Position ihrer Mutter gegenüber. Meine erste Diagnose, dass es sich um eine manisch-depressive Erkrankung handeln könne, ließ ich nach kurzer Zeit fallen. Dafür waren die Hochphasen von Carolas Mutter zu langdauernd und auch nicht verrückt genug.

Insofern dachte ich eher an eine schwere Dysthymia. Solche Patienten haben gewöhnlich zusammenhängende Perioden von Tagen oder Wochen, in denen sie ein gutes Befinden beschreiben. Aber meistens, oft monatelang, fühlen sie sich müde und ausgelaugt; alles ist für sie eine Anstrengung und nichts wird genossen. Sie grübeln und beklagen sich, schlafen schlecht und fühlen sich unzulänglich, sind aber in der Regel fähig, mit den wesentlichen Anforderungen des täglichen Lebens fertig zu werden. Die Verteilung zwischen den einzelnen Perioden leichter Depression und dazwischenliegenden Perioden vergleichsweiser Normalität ist bei der Dysthymia sehr unterschiedlich. Wie man gut bei Carolas Mutter nachvollziehen kann.

So verwundert es nicht im geringsten, dass Carola einen Beruf wählte, wo sie unmittelbar Hand anlegen konnte. Vermutlich hätte sie die depressive Erkrankung ihrer Mutter ebenso gerne heraus operiert wie einen entzündeten Blinddarm.

Interessanterweise machte sie lebenslang um weinerliche oder schwache Menschen einen großen Bogen. Mit ihrem Mann, einem erfolgreichen Bauunternehmer, ist sie seit Jahrzehnten glücklich verheiratet. „Ich brauche um mich herum ehrliche Menschen mit Bodenständigkeit, die Sicherheit ausstrahlen“ verkündet sie. „Jammerlappen wie meine Mutter verachte ich und meide sie wie der Teufel das Weihwasser.“

Wenn ich meine Patientin betrachte, kann ich eigentlich nur den Hut ziehen. Das sage ich ihr auch. „Trotz ihrer schweren Traumata mit frühen Verlusten haben sie niemals aufgeben. Respekt.“ Die Patientin lächelt und nickt mir bestätigend zu. „Stimmt exakt. Doch jetzt bin ich an einem Punkt angelangt, wo ich befürchte, dass es mir ähnlich ergehen könne wie meiner Mutter.“

„Da kann ich sie beruhigen. Ihr Lebensschicksal unterscheidet sich komplett von dem ihrer Mutter. Statt aufzugeben und sich zurückzuziehen haben sie lebenslang gekämpft. Erst um ihre Mutter. Später um sich selbst. Sie sind eine bewundernswerte Überlebenskünstlerin“.

Dann erkläre ich ihr, was sich trotz – oder gerade wegen –  aller schweren Schicksalsschläge und harten Verluste bei Carola etablierte. Es entstand eine sogenannte „Resilienz“ . Damit ist eine psychische Widerstandsfähigkeit gemeint. Eine Fähigkeit, Krisen zu bewältigen. Menschen mit Resilienz haben durch immer wiederkehrende schwere Krisen in ihrem Leben gelernt, statt schwächer – stärker zu werden – gemäß der Devise: „was mich nicht umbringt macht mich stark“.

Menschen mit Resilienz sind Meister darin, durch Rückgriff auf eigene Ressourcen eine positive Entwicklung zu starten. So erklärt man deren Entstehung von Selbsterhaltung und Gesundheit (Salutogenese), die über die Etablierung von Bewältigungsstrategien erfolgt.

Fragend  blickt mich die Patientin völlig ratlos an. „Verdammt juchhe, wo sind meine sogenannten Bewältigungsstrategien geblieben? Ich spüre weder Kraft noch Interesse, irgendetwas positives in Gang zu setzen.“

Ich grinse sie an und verkünde, dass ich ihr gerne dabei behilflich bin, mit ihr gemeinsam Entwicklungsstrategien zu entwerfen, die sie wieder in ihre alte Form bringen.  „Um sie zu beruhigen, was ihre Angst um eine vermeintliche Ähnlichkeit mit ihrer Mutter anbelangt: Ihre Mutter war genau das Gegenteil von ihnen. Nicht „resilient“ wie sie, sondern „vulnerabel“. Vulnerabilität bedeutet, dass jemand ganz besonders leicht durch äußere Einflüsse seelisch zu verletzen ist. Vulnerable Menschen neigen in hohem Maße dazu, psychische Erkrankungen, wie ihre Mutter sie mit sich herumschleppte, zu entwickeln“.

Dann beende ich die Sitzung und ersuche Carola, bis zu unserem nächsten Treffen eine Liste möglicher Beschäftigungen zu erstellen, die ihr in der Vergangenheit Spaß gemacht haben. Außerdem verdonnere ich sie zu täglicher Bewegung an frischer Luft. Minimum 20 Minuten. Und zwar so intensiv, dass sie dabei zum Schwitzen kommt. Damit erhält sie die Chance, ihr Adrenalin abzubauen und darüber hinaus, aus ihrer körperlichen und seelischen Starre zu erwachen. Ihrem Lächeln entnehme ich Zustimmung.