Heute früh entdeckte ich nach dem Aufstehen in meiner Küche eine fette schwarze Spinne, die mir höhnisch und herablassend bei meinen Aktivitäten zusah. Sie klebte regungslos an der Wand und beobachtete mich lauernd.
„Spinne am Morgen bringt Kummer und Sorgen“. Schlagartig fiel mir dies alte Sprichwort ein, während ich ein Gefäß holte, um die schwarze Dame vorsichtig von der Wand zu entfernen. Das ist ein Trick, der es erlaubt, Spinnen völlig stressfrei und ohne sie zu zerquetschen von Orten zu verbannen, wo sie meines Erachtens nicht hingehören. Also, ein Glas oder ähnliches darüberstülpen und die Öffnung mit einem Papier abdecken. Dann das Spinnentier in seinem Behältnis vor die Türe setzen.
Früher fing ich Spinnen ohne mit der Wimper zu zucken mit meinen Händen. Seit mir eine besonders „Bewegungsfreudige“ mit einem Satz mitten ins Dekolleté sprang habe ich davon Abstand genommen. Zumal ich nach dieser Spinnenattacke meine Klamotten eine scheinbare Ewigkeit durchforstete, bis ich die Spinne von dem Versuch abhalten konnte, mir unter den Rock zu kriechen. Seither habe ich mein Spinnenjagdverhalten modifiziert. Mit Glas und so. Und Blatt Papier darauf. Ganz einfach.
Hyperaktiv raste die Spinne jetzt in ihrem ausbruchsicheren Gefängnis umher bis ich sie vor die Terrassentüre trug und dann freigab. Dort verschwand sie eilig in Richtung Garten.
In dem Moment ahnte ich nicht, wie schnell Sprichwörter wahr werden können. Wiegesagt, Spinne am Morgen. Denn in kurzer Folge rollte ein Unheil nach dem anderen auf mich zu. Und dies an einem heiligen Feiertag. Wo ich es mir hätte so richtig gemütlich machen können. Von wegen.
Kaum hatte ich mein Frühstück hinter mich gebracht klingelte das Telefon. Ahnungslos hob ich ab. Ein ehemaliger Patient, den Tränen nahe, völlig aufgelöst. Ob ich mich noch an ihn erinnern könne. Was für eine Frage. Vor einigen Jahren hatte ich ihn wegen eines extremen Burn-Outs behandelt. Ein außerordentlich attraktiver Mann, mit vielen akademischen Titeln übersät, beruflich erfolgreich bis zum Abwinken der sich vor Frauen nicht retten konnte. Selten zuvor war mir ein derart interessanter Mann über die Praxisschwelle gestolpert.
Jetzt hing er völlig verzweifelt in der Leitung. „Mein einziger Sohn ist gestern beim Motorradfahren verunglückt und schwebt zwischen Leben und Tod“. Der Mann wird jetzt von Schluchzern nur so geschüttelt. Ich mache mit ihm einen sofortigen Termin für den nächsten Tag aus und er wird während unseres Gespräches zunehmend ruhiger. Am Ende unserer „Telefonsitzung“ ist sein Weinen verstummt und die Angst und Verzweiflung deutlich reduziert. Immerhin ist der Sohn ja noch am Leben. Leider sei die Prognose der Ärzte schlecht, vernehme ich. Ein junger Mann, Anfang 20, auf der Intensivstation um sein Leben kämpfend. Scheisse.
Normalerweise fluche ich nicht, aber als ich nach diesem Gespräch meine Hunde rufe, erzähle ich ihnen lautstark schimpfend, was ich vom Motorrädern halte. Nämlich nichts. „Verfluchte Scheiß – Höllenmaschinen. Transplantationsgeräte sind das! Sitzen meistens junge frische Organe drauf“.
Einstein schaut mich mit großen Augen ganz erstaunt an. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass er durch mich hindurch kuckt. Dabei sträubt er ein wenig die Rückenhaare. Offenbar missfällt ihm meine emotionale Befindlichkeit.
Dessen ungeachtet erkläre ich meinen Hunden weiter die Theorie der sogenannten „Transplantationsgeräte“:
„In meinen langen Berufsjahren habe ich die Erfahrung gemacht, dass die meisten Unfälle auf Motorrädern „fremdverschuldet“ sind. Das heißt, einen Motorradfahrer übersieht man entweder oder eine Ölspur oder feuchtes Herbstlaub tun ihr übriges. Die Fahrer selbst sind in der Regel vorsichtig und erfahren, aber das nützt leider alles nichts, zumal kein schützendes Blech zwischen ihnen und dem Rest der Welt besteht. Das ist meine unmaßgebliche Meinung zum Thema Motorrad. Nichts desto trotz tut mir mein Patient mit dem verunglückten Sohn in der Seele leid und ich weiß, dass eine schwierige Zeit vor mir steht, ihn zu begleiten, und es sieht nicht gut aus“.
Ich verkneife mir jedes weitere Wort und begebe mich in den Garten, um die Hühner zu füttern.
Hier erwartet mich das nächste Unglück.
Eine meiner Hennen sitzt völlig matt und antriebslos am Boden des Hühnerhauses während die anderen fröhlich im Freien nach Würmern picken. Ich rufe nach meinem Mann, der das offensichtlich schwer kranke Huhn vorsichtig in die Arme nimmt. Wir ertasten einen völlig verhärteten Bauch. Vermutlich eine Art Eierstau, d.h. das Huhn ist nicht mehr in der Lage zu legen.
Bei näherer Betrachtung wird uns angst und bange. Das Huhn lässt sich ohne Gegenwehr herumtragen. Ein schlechtes Zeichen.
Ich ergreife tapfer die Initiative und massiere in Abständen von einer halben Stunde das kleine Huhnibauchi in der Hoffnung, dass es irgendwie helfen könnte. Außer einer entspannten Grundhaltung bei geschlossenen Äuglein bewirke ich nichts.
Von Notanrufen bei unserem Tierarzt nehme ich Abstand, weil er nach seinen letzten Einsätzen in unserem Hühnerhof nur noch geknurrt hat: „Frau van Almen, Sie verwechseln Nutztier- mit Haustierhaltung“. Zuletzt war ich ihm auf die Nerven gegangen, weil ich mit einem kranken Huhn in der Sprechstunde vorbeischauen wollte. „Wenn Sie Ihr Federvieh mit dem Auto zu mir karren, ist das Tierquälerei. Nehmen sie eine Axt, machen Sie den Hals lang und dann ist Ruhe“.
Gefühlloser Trottel.
Also nix Tierarzt. Im schlimmsten Fall muss Franz ran. Mit der Axt, meine ich. Als mathematisch-naturwissenschaftlich ausgebildeter Mann hat er keine Probleme, den Einschlagwinkel zu berechnen.
Nach einem halben Tag erfolglosen Massierens und einem Öleinlauf, der ebenso ergebnislos verläuft, entschließen wir uns zu einem Ende mit Schrecken.
Die Hunde umkreisen uns neugierig. Insbesondere Einstein schaut besonders bedeutungsvoll unseren Vorbereitungen zu. Dazwischen sträubt er immer wieder bedrohlich sein Fell und setzt einen merkwürdigen Blick auf, als erblicke er etwas, was hinter oder neben uns steht.