111. Horror

Es liegt mindestens 20 Jahre zurück. Ein Mann meldete sich telefonisch an, um über die schmerzhaften Folgen seiner Trennung nach langjähriger Ehe zu sprechen.

Als er mir gegenübersass überraschte mich die Intensität der Augen, die mich unverwandt anstarrten. Sie erinnerten an die Farbe unergründlicher morastiger Seen wie ich sie von meinen Ausritten durch das Moor oftmals gesehen hatte. Allerdings aus meinem Sattel und aus sicherer Höhe.

Noch bevor der Patient zu sprechen begann, stellten sich meine Haare auf den Armen senkrecht nach oben. Mich fröstelte.

Selbständiger Fliesenleger, durchschnittlich groß, schlank, sportlich durchtrainiert. Offenbar schien er kein leichtes Leben hinter sich zu haben. Sein Gesicht sprach Bände: finster zusammengezogene Augenbrauen, tief eingegrabene Falten, die nicht vom Lachen kamen und Augen die trotz ihrer diffusen Wäßerigkeit eiskalt schimmerten.

Damals hatte ich noch keinen Einstein an meiner Seite. Leider. Lediglich ein entzückender Rauhaardackel döste irgendwo im Haus in seinem Bettchen und hatte nicht die geringste Ahnung, was sich da eben in unser Haus eingeschlichen hatte.

Die Schilderungen des Patienten klangen auf der verbalen Ebene so, als wäre er nach Trennung von seiner Frau entsetzlichen seelischen Qualen ausgesetzt und würde sich nach ihr aus reinster Seele sehnsuchtsvoll verzehren. Zusätzlich belastend erlebte er den Verlust seiner Kinder, die die Gemahlin ohne vorherige Ankündigung mitgenommen hatte. Das alles sei plötzlich und unvorbereitet über Nacht passiert. Weg war sie, die heissgeliebte Familie und seit etlichen Wochen wie vom Erdboden verschluckt.

Während der Erzählung von Trennung und sich daran anschließender Einsamkeit entdeckte ich eine unglaubliche Aggression, die von dem Mann ausging. Er verzerrte das Gesicht und ballte seine Fäuste zwischendurch, dass mir Angst und Bange wurde. Nach einem so schmerzlichen Verlust, wie er mir geschildert wurde, hätte ich den Griff nach Taschentüchern und dicken Tränen erwartet. Weit gefehlt. Der Patient war so weit weg von Trauer und Entsetzen wie die Sonne vom Mond.

Nach seinem Arbeitsauftrag befragt antwortete er, dass er sich Beistand und Verständnis wünsche in dieser harten Zeit. Auf die Frage, wie es denn zu der abrupten Trennung gekommen sei, wollte er nicht weiter ausholen und meinte, er würde mir das Tagebuch seiner Frau in den Briefkasten werfen, aus dem hervorginge, was im einzelnen geschehen sei.

Wir vereinbarten einen Folgetermin und ich spürte Erleichterung, als er gegangen war. Am nächsten Tag öffnete ich meinen Briefkasten und entdeckte ein kleines Büchlein, das ohne Kuvert oder Begleitkommentar einsam und nackt, irgendwie schutzlos zwischen meiner Post zum Vorschein kam. „Aha“, dachte ich, „das muss wohl das Tagebuch sein, das mir versprochen worden war“.

Spät am Nachmittag warf ich den ersten Blick hinein und binnen Sekunden verschlug es mir den Atem. Nach einiger Zeit, in der es mich vor Wut und Ekel schüttelte, hatte ich das ganze durchgelesen. Mein Blutdruck kletterte in schwindelerregende Höhen und zwischendurch stieg Angst und Panik in mir auf bei dem Gedanken an den Folgetermin mit einem Monster.

In dem Tagebuch war die Geschichte einer Ehe festgehalten worden, die an Ungeheuerlichkeiten und Qualen kaum zu überbieten war. Jahrelang anhaltender Terror, der sich sukzessive so sehr steigerte, dass die Ehefrau am Ende ihre Kinder packte und in ein Frauenhaus flüchtete.

Die Schreiberin begann mit der Schilderung ihres Alltages als Mutter zweier kleiner Söhne. Ich nenne sie Maria. Ihr Mann stellte ihr nur unzureichend Wirtschaftsgeld zur Verfügung. Folglich kam nur gelegentlich Fleisch auf den Tisch, weil das Geld dafür nicht reichte. Als Dank für die Bemühungen, ein Essen mit geringen Mitteln zu zaubern, schlug ihr Mann sie laut brüllend ins Gesicht, vor den Kindern und während des Essens, wenn es ihm nicht schmeckte.

Sobald die Kinder sich aus lauter Angst unter dem Tisch zu verkrochen, terrorisierte er die kleinen Buben, indem er seine brennende Zigarette auf ihren Armen ausdrückte, bis sie laut schreiend hervorkamen. Bei sämtlichen Gewaltaktivitäten floss in der Regel Blut. Aus Nasen oder geplatzten Lippen. Tritte und Schläge versetzte das Horrormonster allen geschickter weise so, dass die Verletzungen unter der Kleidung versteckt werden konnten. Würgemale am Hals hatte die leidgeprüfte Maria mit einem Halstuch zu kaschieren und die Buben trugen Schals.

Im Laufe ihres etwa zehn Jahre währenden Ehelebens musste Maria sämtliche Kontakte abbrechen. Ihre uralte Mutter lebte hunderte Kilometer entfernt in einem Pflegeheim. Ansonsten hatte niemand die geringste Ahnung, welchem Martyrium Maria ausgesetzt war. Wenn ihr gnädiger weise mal das Familienauto zum Einkaufen zur Verfügung gestellt wurde, kontrollierte ihr Gatte den Kilometerstand beim Wegfahren. Falls er bei der Rückkehr entdeckte, dass seines Ermessens zu viele Kilometer auf dem Tachostand  sich angesammelt hatten, schlug und trat er seine Frau, sobald sie die Haustüre hinter sich geschlossen hatte,  bis sie stürzte und hilflos wimmernd am Boden lag. Das hielt ihn nicht  davon ab, je nach Gemütslage und Ausmass seiner unbändigen Wut, weiter auf sie einzutreten.

Das schlimmste Vorkommnis ereignete sich, als Maria noch einmal schwanger wurde nach einer Vergewaltigung durch ihren Mann.

 

 

110. Bandscheibenvorfall

In meinem ganzen Leben habe ich noch niemals derart ausdauernd in die Glotze gestarrt wie während meiner Magen-Darm-Erkrankung. Recht viel mehr wie geradeaus schauen war mir zwei Tage lang ja auch nicht vergönnt. Vor mich hinglotzen wäre sicher nicht das Problem gewesen – doch ich tat es angesichts der nervenzerfetzenden Spannung meiner Lieblingsserie mit nach vorne gestreckten Schildkrötenhals in Situationen steigender Spannung.  Was tut man nicht alles in Erwartung des nächsten siegreichen Abenteuers seiner Helden.

Mein Bett im Schlafzimmer ist mit allen Raffinessen ausgestattet, die mir Luxus und Bequemlichkeit verschaffen. Unzählige Kissen in einem elektrisch in allen Stufen regulierbaren Bett – gemacht für Königinnen wie mich. Nirgendwo stand geschrieben, dass ich mich wie eine Schildkröte darin zusammenziehen sollte in Momenten von Gefahr. Doch ich Trottel fieberte bei „Game of Thrones“ jede Sekunde solidarisch mit den von mir favorisierten Kämpfern mit,  zog die Schultern hoch und schob den Hals nach vorne – um mich entweder zu schützen vor dem Anblick nicht zu beschreibender Grausamkeiten oder ganz genau jedes Detail zu beobachten, weil ich halt furchtbar neugierig und emphatisch bin.

Das hatte zur Folge, dass ich mir – wieder mal (diverse Sportverletzungen lassen grüssen) – einen Bandscheibenvorfall in der HWS zuzog, zu meiner Physiotherapeutin schlich und alle Qualen einer Extensions-Behandlung eine halbe Stunde lang ertrug. „Frau van Almen, immer schön durch die Nase atmen, nicht die Luft anhalten“ befahl meine Folterknechtin, eine Meisterin ihrer Zunft, mit Zauberhänden gesegnet. „Daheim setzen sie immer mal wieder für ein Stünderl ihre orthopädische Krawatte auf, bis es besser wird. Und brav die Übungen machen, die ich ihnen gezeigt habe! Und den Hals schön warm halten!“

Nachdem ich wieder nach links und rechts sehen konnte ohne dabei schrille Schmerzensschreie auszustossen und mein Auto dank einer Rückfahrkamera und nervtötender Pieps-Signale zuverlässig meldet, sobald ein Hindernis mir in die Quere kommt, entschied ich mich zu meinem Lieblingsgemüsehändler aufs Land zu fahren. Ich kenne sein Anbaugebiet und liebe seine Ware. Biologisch einwandfrei, superlecker und sauteuer. Was soll`s. Qualität hat nun mal ihren Preis.

Die Schlange der vor mir stehenden Naturkostfreunde war überschaubar. Plötzlich überfiel mich ein äußerst unangenehmer Geruch. Der Typ vor mir. Wohl eine Woche lang nicht geduscht. Also Kiefer öffnen, Zahnreihen entspannt auseinander klappen bis man ein wenig grenzdebil  aussieht und dann tapfer durch den Mund atmen. Das entspannt zum einen und schaltet die Geruchswahrnehmung weitestgehend aus.

Bis ich die Stimme des Stinkstiefels vor mir vernahm. Der Klang erinnernd an eine schlecht geölte Tür, wenn eiskalte Metallteile aneinander reiben oder Kreide auf einer Tafel quietschend abrutscht. Sofort schossen mir Bilder und Szenen aus der Vergangenheit blitzartig ins Rückenmark und riefen eiskaltes Entsetzen hervor. Ich erinnere mich nur sehr schlecht an Namen. Stimmen hingegen vergesse ich selbst über Jahrzehnte hinweg niemals. Vor Schreck klappte ich mein Maul zu. Peng. Den Typen kannte ich. Ein ehemaliger Patient. Mit einem Schlag ploppten sämtliche Erinnerungen an diesen Fall in meinem Gedächtnis hoch, gespickt mit grauenvollen Einzelheiten. Ich stand fassungslos und entsetzt da, für ein paar Momente zur Salzsäule erstarrt, und hielt die Luft an, bis das Monster vor mir seine Sachen gepackt und gezahlt hatte und um die Ecke verschwunden war.

Dieser Mann war der Auslöser, dass ich bis heute ständig ein Pfefferspray griffbereit in meiner Praxis stehen habe. Der Fall liegt unendlich lange zurück. Der Typ war mit Abstand das Schrecklichste, was jemals die Schwelle meines Hauses betreten hat. Game of Horror.

In meinem Beruf passieren oft ungeheure Dinge. Nicht umsonst ist mein Haus aufgerüstet mit einer Alarmanlage vom Feinsten und einem Notrufknopf, der einen Sicherheitsdienst binnen Minuten herbeiruft. So arbeite ich stets entspannt und hoffnungsfroh in Erwartung positiver Therapierfolge. Vom Grauen, das mir vorhin über den Weg tappte, erzähle ich im nächsten Kapitel.

Wächter rund ums Haus

Wächter rund ums Haus

 

109. Prosit Neujahr

Selten habe ich meine Rudelführerin so entspannt erlebt wie in der Weihnachtszeit. Ein Familienfest jagte das nächste. Zum Glück fanden sämtliche Feierlichkeiten in Philips Haus nebenan statt. Rosa musste sich nur noch an gedeckte Tische setzen und aufpassen, im Familien-Getümmel nicht den Überblick zu verlieren.

Zum Teil waren Menschen aus fünf Generationen versammelt. Neben drei Kinderwägen stand am ersten Weihnachtsfeiertag auch ein Gehwagen mit dabei. Das heißt, von einem halben Jahr aufwärts bis knapp einhundert Jahre war alles vertreten.

In einer ruhigen Minute flüsterte Rosa mir glücklich ins Ohr, dass sie zum ersten mal in ihrer Karriere als weibliches Familienoberhaupt kein einziges mal den Kochlöffel schwingen musste. Selbst das Schmücken eines Christbaumes blieb ihr erspart. Was wiederum Madame und ich heftig bedauerten, weil es in den vergangenen Jahren immer eine Riesengaudi war, wenn ich an den Baum mein Pippi strullerte  und alle kreischten, als wenn ein Krieg ausgebrochen wäre.

Silvester verzichteten sämtliche hier lebenden Personen – mit Rücksicht auf Claras und meine Gehörgänge – auf jegliche sinnlose Knallerei. Rosa war schon immer entschieden gegen jede Form des Rumballerns, weil sie das als unzumutbar für unsere Umwelt erachtet. Als sich der Nebel des Silvesterfeinstaubes am nächsten Tag gelichtet hatte, ereilte mich hier im Haus das erste Unglück. Schuld daran war ein Wiener Würstel. Traditionell erhalten wir Hunde ein Paar Wienerle an hohen Festtagen. Ich bin mittlerweile ein sehr alter Herr und habe mein Gedärm nur noch im Griff, wenn ich mein vertrautes Futter wie jeden Tag im Jahr serviert bekomme. Alles andere verursacht mir Bauchschmerzen und ich reagiere darauf mit Durchfall.

Am frühen Morgen des ersten Januar öffnete Rosa mit schneidigem Schwung ihre Schlafzimmertüre. Doch statt wie sonst fröhlich „guten Morgen, meine süssen Hundilis“ zu flöten, entstieg ihrem Mund ein schrecklicher Seufzer und dann ein „OOOH nein“. Sie roch nämlich das, was das Wienerle in meinen Gedärmen angerichtet hatte durch das ganze Haus. Um sie nicht gänzlich zu schocken, habe ich sicherheitshalber drei Scheißhäufen zwischen erstem Stock und Erdgeschoss verteilt. Der erste hübsch kompakt, der zweite matschig und der dritte breitete sich als flüssiger See im Eingangsbereich aus.

Wohl mit Rücksicht auf das neue Jahr machte sich Rosa wortlos an die Beseitigung meiner Hinterlassenschaften. Doch irgendwie ist das alte Mädchen auch in die Jahre gekommen. Bis vor kurzer Zeit konnte sie problemlos mit Mundatmung alles aus ihrer olfaktorischen Wahrnehmung ausklammern, was auch nur den Hauch eines Ekels hervorrief. Dieses mal – ich traute meinen Augen und Ohren nicht – kämpfte sie mit einem Brechreiz, der es in sich hatte. Zum Glück geschah nichts weiter tragisches und sie erholte sich in kürzester Zeit, verzichtete aber auf Streichel- und Schmuse-Einheiten mit mir für den Rest des Tages.

Was ein Wienerwürstel mit mir macht, schafft eine einzige Miesmuschel bei meiner Chefin. Am folgenden Tag marschierte Rosa in die Küche – hätte sie das bloß bleiben lassen – und kreierte ein Muschelgericht vom feinsten. Irgendwie musste sich eine tückische Muschel eingeschlichen haben, die meine Rudelführerin dazu brachte, sich 24 Stunden nur noch zwischen Bade- und Schlafzimmerzimmer zu  bewegen.

Als dieses Unglück vorbeigezogen war, folgten zwei ruhige, besinnliche Tage mit viel Pfefferminztee und Salzstangen. Philip brachte seine hochheilige Playstation vorbei, damit Rosa ungestört ihre derzeitige Lieblingsserie „Game of Thrones“ sehen konnte. Das tat sie ausgiebig und relativ unbeweglich aus ihrem Bett, drapiert auf unzähligen Kissen. Nach zwei Tagen hatte sie sich die beiden ersten Staffeln reingezogen. Wir Hunde waren nicht besonders unglücklich, weil wir es genossen, auf Schaffellen neben Rosas königlichem Bett ruhen zu dürfen. Draussen stürmte und schneite es wie wild. 

Doch dann kam der nächste Tag. Mühsam ächzend kam  unsere Chefin nach 48 Stunden (in Worten achtundvierzig – das sind nach meiner Rechnung zwei geschlagene Tage, wo sie nicht den Arsch hochkriegte) aus ihrem Schlafgemach geschlichen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht umklammerte sie ihren Hals und stöhnte „ich kann mich nicht mehr rühren“. Nun ja, Strafe muss sein. 

Nicht weitersagen: Rosa hat einen Vogel

Nicht weitersagen: Rosa hat viereckige Augen

 

 

 

108. Jahreswechsel

 

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Meiner Chefin und ihrer Familie und natürlich all meinen begeisterten Fans wünsche ich für das kommende Jahr 2017 möglichst viele schöne Momente.

Es sind oft die kleinen Dinge und Erlebnisse, die uns Hunde wie Menschen glücklich und froh machen.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen Vergnügungen, etwa der Art:

 

„Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen

Das wiedergefundene alte Buch

Begeisterte Gesichter

Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten

Die Zeitung

Der Hund

Die Dialektik

Duschen, Schwimmen

Alte Musik

Bequeme Schuhe

Begreifen

Neue Musik

Schreiben, Pflanzen

Reisen

Singen

Freundlich sein“

Mit den besten Wünschen von William, Einstein und Madame – angelehnt an den großartigen Bertolt Brecht.  

Immer hübsch den Durchblick bewahren !

Immer hübsch den Durchblick bewahren !