90. Schulverweigerung

Vor einigen Monaten wurde mir ein 8jähriges Kind zugewiesen wurde, dass sich weigerte, in die Schule zu gehen. Ich bestellte zuerst die Mutter ein, um mir ein erstes Bild zu machen. Eine attraktive Frau Ende dreißig betrat meine Praxis. Auf dem Kopf trug sie einen riesigen Hut, der ihr ausgesprochen gut stand und den sie während des gesamten Gespräches nicht absetzte.

Sie sei seit einem Jahr geschieden und hätte eine Tochter, die sich seit einigen Wochen weigern würde, in die Schule zu gehen. Wenn sie sich doch zum Schulbesuch überreden ließ, verbrachte sie die erste Schulstunde irgendwo auf der Straße, um anschließend nach Hause zu marschieren.

Die Frage, ob es noch weitere Geschwister gäbe, wurde verneint. Was mir die Mutter zu dem Zeitpunkt verschwieg, war die Tatsache, dass sie seit einem halben Jahr einen Freund hatte, der bei ihr eingezogen war.

Das kleine Mädchen kam am nächsten Tag in die Praxis, setzte sich in einen meiner Stühle und sah mich dann erwartungsvoll schweigend an. Ihr Blick war freundlich, doch man konnte deutlich sehen, dass sie wenig oder gar keine Lust hatte, sich mit mir zu unterhalten.

Ich wollte sie anfänglich nicht mit einem Bombardement von Fragen traktieren und schlug ihr vor, sich doch mal meine Hunde Einstein und Madame anzusehen. Das Kind nickte freudig. Als die Bulldoggen sie freudig umkreisten, fing die kleine Patientin an zu grinsen und verriet mir anschließend ihren Namen. Sie hieß Petra.

Petra freundete sich binnen Sekunden mit meinen Pelznasen an. Daher kommunizierte sie ausschließlich mit den Hunden. Ich blieb weiter außen vor und wurde freundlich aber bestimmt ignoriert. Das war eine gute Lektion in Sachen „tiergestützter Interaktion“. Ein Tier öffnet binnen Sekunden alle Türen, ein Mensch verschließt sie manchmal.

So zog ich meine nächste Trumpfkarte aus dem Ärmel und fragte das Mädchen, ob sie Lust habe, mich während einer Gassi-Runde zu begleiten. Auf meinen Vorschlag reagierte sie mit einem begeisterten „Oh ja, gerne!“

Während wir mit den Hunden gemütlich dahin marschierten, erfuhr ich auf vorsichtiges Nachfragen, wer welche Aufgaben bei Petra zuhause übernimmt.

„Ja, meine Mami macht alles. Putzen, waschen, kochen. Und ihr neuer Freund tut nix“ höre ich. „Was heißt: „Nix? Gar nix? Das gibt’s doch nicht!“

Bei Hunden und kleinen Mädchen mache ich am liebsten kurze Ansagen. Alles andere verschwindet sonst nur in deren unergründlichen, weit verwinkelten Gehörgängen.

„Ja doch, a bissel was macht er schon. Nach dem Frühstück macht er sein erstes Bier auf.“ Ich hörte gespannt zu und quittiere das Gesagte völlig wertungsfrei mit: “Soso, aha!“ „Nach dem dritten Bier plärrt er herum und dann schlägt er meine Mutter, der Arsch.“

Alles klar. Danke Einstein. Danke Madame. Petra hat gesprochen. Mit mir. Während unserer Gassi-Runde.

Jetzt war natürlich sonnenklar, warum Petra nicht in die Schule ging. Sie wollte ihre Mutter beschützen. Das teilte ich Petras Mutter bei einem Gespräch unter vier Augen mit. Dann hörte ich niemals mehr etwas von der kleinen Patientin. Lediglich die Mutter berichtete einige Wochen später, dass die Schulleistungen Petras sich deutlich verbessert haben, nachdem der trinkfreudige Lover vor die Tür gesetzt worden war. Und dass Petra neuerdings Reitstunden auf einem Ponyhof bekäme.

Was mich an diesem Fall sehr berührte, war die Tatsache, dass meine Tiere „Einstein“ und „Madame“  wieder mal ausschlaggebend für die Etablierung einer vertrauensvollen Bindung zu mir waren und damit maßgeblich verantwortlich für den Therapieerfolg.

90. Phobien

Am liebsten behandele ich Patienten  mit Angsterkrankungen. Das hat damit zu tun, dass bei Phobikern der Leidensdruck enorm hoch ist und damit auch deren Veränderungsbereitschaft. D.h. ein Angstpatient wird bei einer Angst- oder Panikattacke von derart scheußlichen, nahezu unerträglichen Gefühlszuständen gepeinigt, dass er garantiert keine Lust hat, dies oft erleiden zu wollen. Insofern ist er mehr als jeder anderen Patient auf dieser Welt dringend daran interessiert, seine Ängste in den Griff zu bekommen.

Ist ein Phobiker bereit, das ganze Programm (1) mit zu machen, steht einem raschen Heilungserfolg nichts im Wege.

Bevor ich mit einem Angstbewältigungstraining beginne, wird der Patient erst mal über die physiologischen Begleitmechanismen der Angst aufgeklärt.

Angst ist ein „Überlebensmechanismus“. Wer angstfrei in München über den Stachus gehen würde oder versuchen sollte, eine mehrspurige Autobahn als Fußgänger zu überqueren, wäre binnen weniger Minuten mausetot.

Insofern garantiert das Auftreten von Angst, dass eine Gefahr im Anzug ist.

Wenn in der Steinzeit jemand einem gefährlichen Säbelzahntiger begegnete, hatte er drei Möglichkeiten, um zu überleben:

  1. Dem Säbelzahntiger mit dem Knüppel auf die Nase hauen. Das nennt man „Angriff“.
  2. So schnell wie der Wind abhauen. Das bezeichnet man als „Flucht“.
  3. Sich auf den Boden werfen, scheintot stellen, die Luft anhalten und so tun, als wäre man unsichtbar oder gestorben. Das heißt Totstellreflex und geht mit absoluter Bewegungslosigkeit einher. Ist allerdings von den genannten drei Reaktionsmöglichkeiten die unangenehmste Form.

Wer angreift oder davonläuft veranstaltet auf der motorischen, kognitiven und emotionalen Ebene eine riesige Aktion verbunden mit hohem muskulärem Krafteinsatz. Sobald das Gehirn registriert, dass sein Besitzer grandiose motorische Aktivitäten in Gang setzt, reagiert es mit Entspannung, weil es weiß, dass sein zu ihm gehöriger Mensch gerade kämpft oder davonläuft und somit bald aus der Gefahrenzone geraten wird.

Wer sich hingegen tot stellt, befindet sich in einem emotional-motorisch gespaltenen Zustand. Äußerliche Reglosigkeit/Totstellreaktion gepaart mit einem enormen physiologischen inneren Aufruhr, ähnlich einem Zustand kurz vor Vulkanausbruch.

Das Gehirn kurbelt sämtliche Mechanismen der Angst an. Dies diente früher der Bereitstellung von Angriff- oder Fluchtmechanismen. Ansonsten wäre man vom Säbelzahntiger gefressen worden.

Die physiologischen Reaktionsmuster muss man sich ähnlich wie bei einem Maikäfer vorstellen, der wild brummend und flügelschlagend kurz vor dem Abflug steht.

Beim Totstellreflex findet äußerlich nichts Beobachtbares statt. Wäre ja auch unklug, weil der Säbelzahntiger sein Opfer dann im nu entdecken würde. Im Inneren des Körpers tobt es heftig wovon nichts nach außen dringen darf. Also rast das Herz wie wild. Der Pulsschlag wird in maximale Höhen getrieben. Schweiß bricht aus. Es entsteht ein Globusgefühl im Hals. Sowohl Übelkeit als auch Durchfall können als weitere Begleiter auftreten. Das sind die physiologischen Begleiterscheinungen der Angst.

Ich betone immer, dass Angst eine Kraft ist und als Garant dafür gilt, um in Gefahrensituationen zu überleben. Meine Patienten sind immer ganz begeistert, wenn ich sie dazu auffordere, sich mit ihrer Angst zu verbünden.

Angst wird man nicht „los“ – sie dient als unser Begleiter und Beschützer. Kritisch wird es erst, wenn man anfängt, Angst davor zu bekommen, dass man Angst haben könnte.

Ich benutze gerne das Bild eines Toreros, der in der Arena steht und sich gegen den angriffswütigen Stier zur Wehr setzen muss. Das gehörnte Tier steht in diesem Bild symbolisch für die Angst, die man lernen muss, in den Griff zu bekommen.

Das Angstbewältigungstraining, das meine Patienten bei mir durchlaufen, vergleiche ich mit dem „roten Tuch des Toreros“ als ein Bündel von Handlungsmechanismen. Damit zwingen sie ihre Angst – den rasenden Stier- langfristig in die Knie, weil er irgendwann erschöpft zusammenbricht. Ohne andere Marterinstrumente einsetzen zu müssen, wohlgemerkt. Bei diesen Stierkämpfen überlebt der Stier selbstredend.

Doch es wäre ziemlich unklug, den Stier bei den Hörnern packen zu wollen und in den Sand zu werfen. „Das rote Tuch des Toreros“ symbolisiert die verschiedenen Angstbewältigungs-Strategien, die der Patient so lange durchläuft, bis die Angst sich zurückzieht und ihren Schrecken verliert.

Bevor jedoch Angstbewältigungs-Techniken überhaupt eingesetzt werden können, lernen die Patienten zuvor die unterschiedlichsten Entspannungsmethoden.

Dazu gehören Atementspannung, Jacobson Muskelrelaxation, Autogenes Training, hypnotherapeutische und verschiedenen andere meditative Methoden, damit sich der Angstpatient innerlich jederzeit an einen sicheren inneren Ort „beamen“ kann. Im Sinne von: „Ups, ich bin dann mal weg“.

Jetzt beschreibe ich im Folgenden wie Einstein als Präsenzhund mitarbeitet und mich bei der Angsttherapie unterstützt.

Bei der telefonischen Anmeldung der Patienten kläre ich vorweg ab, inwieweit jemand Angst vor Hunden hat oder gegen Hundehaare allergisch ist. Entweder wird Einstein dann weggeräumt oder darf so herumlaufen, wie er möchte.

Mein Haus hat lauter Split-Level-Ebenen. Der Praxis- Bereich im obersten Stock erstreckt sich über zwei Ebenen und bemisst sich auf ca.110 qm. Überall im Haus besitzen die Hunde verschiedene Körbe und haben dadurch jede Menge Rückzugsmöglichkeiten. Das gilt sowohl für den Privatbereich als auch für die Praxis.

Diagnostisch finde ich die Erstbegegnung Hund-Patient stets hochinteressant. Als ich vor etlichen Jahren meine Telefonrecherche noch nicht so differenziert gemacht hatte, tappte mir eine Patientin ins Haus, die beim Anblick von Einstein laut zu schreien begann und vor lauter Angst beinahe die Treppe rückwärts herunter gefallen wäre. Sie zeterte: „Tun Sie dieses Monster weg!“ Besagte Dame lief dann laut kreischend weg und kam nie wieder. Wenn ich ehrlich bin, habe ich das nicht bedauert.

Seitdem bin ich jedoch sehr vorsichtig geworden, wem ich meinen Therapiehund zumuten kann.

Bei der Erstbegegnung erlaube ich Einstein schrittweisen Zugang zum Patienten den ich jederzeit durch entsprechende Kommandos erweitern oder abbrechen kann. Das hängt vom Kontaktwunsch des Patienten ab.

Die Interaktion zwischen Hund und Patient verläuft immer wieder anders. Manche möchten am liebsten gleich mit dem Hund knutschen. Andere streichen über sein Fell entgegen (!) der Fellrichtung. Insofern erteile ich beim Erstkontakt ein paar Minuten „Psychoedukation“, d.h. ich verrate den Patienten, wie sie die Interaktion verstärken oder gänzlich abbrechen können.

Je nach Reaktion des Patienten eröffnen sich mir interessante Rückschlüsse. Ich habe im Laufe der Jahre verschiedene Beobachtungen und Erfahrungen machen können.

Je unkomplizierter und herzlicher sich ein Patient dem Hund nähert, desto stabiler scheint er zu sein. In der Regel entdecke ich bei der biographischen Anamnese dieser Patienten gesündere Anteile. D.h. in ihrer Persönlichkeitsentwicklung finden sich wenig oder keine Störungen bezüglich ihrer frühen Bindungen.

Hingegen finden sich bei den ängstlichen, selbstunsicheren und den Kontakt zum Hund abwehrenden Patienten auffallend mehr Entwicklungsstörungen in ihrer Anamnese.

Besonders spannend geht es dann weiter wenn ein Patient den Hund streichelt. Je länger er dies tut umso mehr entspannt sich der Patient und fängt nach kürzester Zeit an zu lächeln.

Die Patienten berichten von wohligen Gefühlen, die sie plötzlich verspüren. Sie genießen die Wärme des Hundekörpers zu ihren Füssen. Einmal hatte ich eine äußerst narzisstische Schauspielerin mit schweren Gewalterfahrungen in ihrer Kindheit, die ihre hochhackigen Pumps ohne mit der Wimper zu zucken in Einsteins Rücken bohrte, weil das so schön „warm“ war. Der Hund ließ es sich gefallen. Ich unterband diese Interaktion nach wenigen Sekunden.

Fest steht, dass ein Patient über die sensorische Wahrnehmung der Fingerspitzen und Handinnenflächen zum Körper des Tieres eine Verbindung aufnimmt, die zu Ausschüttungen verschiedener Hormone führt, die als „Glückshormone“ bezeichnet werden. So weit wurde dies wissenschaftlich erforscht und nachgewiesen. Unter anderem ist das Hormon „Oxytocin“ dafür verantwortlich, dass sowohl beim Hund selbst als auch bei seinem „Streichler“ eine Schwingungsebene angesprochen wird, die glücklich macht. Mensch wie Hund.

 

(1) Angstbewältigungstraining nach Markgraf/Schneider in: Lehrbuch der   Verhaltenstherapie, Band 1, Grundlagen, Diagnostik, Verfahren. Jürgen Markgraf  und Silvia Schneider, (Hrsg.), Springer Verlag 2008

 

 

 

 

 

 

 

89. Weitere Rückschau auf meine Therapiehunde

Mit der Zeit wurde der kleine Einstein ein wenig ruhiger. Gott sei Dank. Unsere American Bulldog-Hündin Alaska bemühte sich sehr, ihm gute Manieren beizubringen. Mit Erfolg.

Während ich arbeitete, behielt ich Einstein streng unter Kontrolle und versuchte, ihn so wenig wie möglich aus dem Blickfeld zu verlieren. Das bedeutete, dass er sich an stündlich wechselnden Publikumsverkehr gewöhnte.

Junge Hunde schlafen gerne und viel. Daran änderte der Trubel rund um ihn herum nichts. Englische Bulldoggen sind sehr phlegmatische Tiere, es sei denn, vor ihnen taucht ein Spiel- oder Fußballplatz auf.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Doch ich weiß mittlerweile genau, wann ich meine Leine zücken muss.

Unmerklich veränderte sich im ersten Jahr von Einsteins Präsenz die Atmosphäre in meiner Praxis. Die meisten Patienten genossen die Gegenwart des jungen Hundes.

Alaska war alles andere als geeignet, um sie in die Nähe von Patienten zu lassen. Zum einen hatte sie nicht annähernd die Ausstrahlung und den Charme wie der kleine Bulldog. Zum anderen war sie ein so riesiger Hund dass alle erst mal in Panik gerieten bei ihrem Anblick.

Insofern musste Einstein herhalten. Wobei ich eigentlich nur aus einer Not eine Tugend gemacht habe. Denn das kleine Bulldoggen-Ungeheuer fing zuletzt an, die Teppichböden zu ruinieren, die Leisten rundherum abzureißen und die dahinter liegende Wand anzunagen.

Marie gackerte albern :“Einstein hat wohl einen Kalkmangel, Mama“. Philip witzelte, dass ihm die Teppichböden auch nicht gefallen hätten.

So machte ich aus dem „Alles-Zerstör-Bulldog“ einen „ In-der Praxis-notgedrungen-dabei sein- müssenden- Hund“.

Mit jedem Tag wurde Einstein berechenbarer und vor allem folgsamer. Wenn er meine Befehle befolgte, bekam er Leckerlis. Wenn nicht, sah ich ihn bitterböse an und zischelte in unterschiedlichen Tonlagen „Pfui“.

Den Patienten erklärte ich so die Prinzipien der Verhaltenstherapie am Beispiel positiver beziehungsweise negativer Verstärkung. Da in meine Praxis sämtliche Altersgruppen von Frauen und Männern kommen, übertrug ich das Beispiel „Erziehung einer supersturen jungen Bulldogge“ auf die möglichen Kommunikations- und Umgangsregeln zwischen Mann und Frau.

Ich riet Frauen wie Männern, ihre Lebenspartner wie Einstein zu behandeln. Wenn sie den Müll runtertrugen, einander mit Komplimenten und Aufmerksamkeiten überschütteten, sollten sie liebevolle Anerkennung bekommen. Keine Leckerlis natürlich. Sondern positive Ansagen wie: „Das hast du hervorragend gemacht, Schatzilein“ oder: „Das freut mich außerordentlich, geliebtes Herz“.

Die Variationsmöglichkeiten in der individuellen Formulierung sind hier natürlich unbegrenzt. Nicht jeder Mann/Frau lässt sich gerne „Schatzilein“ nennen.

Das Prinzip war ganz einfach: schlussendlich sollte Jedermann/Frau in übertragenem Sinne „Sitz“, „Platz“, „Bring“ oder „Bleib“ irgendwann beherrschen, ohne zu merken, was ihm/ihr geschieht.

So konnte “Sitz“ als Synonym eingesetzt werden für: Sich hinsetzen und den Lebenspartner von oben bis unten aufmerksam betrachten und primär die positiven Seiten fokussieren. „Platz“ für ihn/sie in den Arm nehmen und herrliche Kuschelrunden machen.„Bring“ für kleine Aufmerksamkeiten, Blumen und andere herrliche Dinge. „Bleib“ für Konstanz in Beziehungen und Treue. Nur so als kleine Beispiele. Meine Patienten waren begeistert. So gingen die Tage ins Land.

Die Zerstörungswut Einsteins trat nur noch sehr selten auf. Aus ihm wurde geradezu ein Musterbeispiel eines entzückenden, die Patienten erfreuenden Präsenzhundes.

Mir hingegen wurde es allmählich langweilig. Die Katastrophenerlebnisse mit Einstein fingen mir und meinem Mann allmählich an zu fehlen. Daher fragte er mich bei einem Spaziergang, was ich denn davon hielte, Bulldoggen zu züchten. „Stell dir vor, wie süß das wäre, wenn lauter kleine Fellkugeln bei dir durchs Haus purzeln“.

Zuerst schossen mir Albtraum ähnliche Phantasien von Unmengen kleiner Bulldoggen-Monster durch den Kopf, die mich über Kurz oder Lang in den Wahnsinn treiben würden. Nach etlichen Diskussionen mit meinen Kids verlor die Perspektive einer Bulldoggen-Zucht ein wenig von ihrem Schrecken. „Oh wie geil wäre dass denn“ trompetete Philip und Marie überlegte sich schon die ersten Namen für einen A-Wurf.

Da ich in meinen Entscheidungen anfänglich meistens sehr zögerlich bin, irritiere ich manchmal Menschen, die mir nahestehen. Ich kann heute von einer Idee begeistert sein. Sehr sogar. Am nächsten Tag beginne ich daran zu zweifeln. Wieder einen Tag später fällt mir etwas noch besseres ein. Doch wenn ich nach einigem Hin und Her endlich DIE Entscheidung getroffen habe, setze ich sie im Nullkommanichts durch. Und das lieber übervorgestern als morgen.

So war es auch mit der Bulldoggen-Zucht. Ich rief meinen Super-Bulli-Züchter an und besprach mit ihm meine Idee. Voraussetzung war natürlich, dass ich eine Bulldoggen-Hündin brauchte die von der Blutlinie Einsteins so weit entfernt sein musste wie die Sonne vom Mond.

Wie zu erwarten war, hatte er das entsprechende Weibchen. Als meine Tochter und ich dort hinfuhren, präsentierte man uns eine blutjunge Bulldoggen-Dame der ganz anderen Art. Eine dunkle Maske zierte ihr Gesicht. Der restliche Körper besaß einen wunderschönen cremigen, etwas ins Dunkle gehenden Braunton. Auf alle Fälle gänzlich anders als unser Rüde. Ihr Name lautete „Madame“. Mein Herz schmolz dahin.

Während ich die Hündin – trotz aller Sympathie – erst mal noch von allen Seiten kritisch beäugte, war Marie verschwunden. In meiner Familie hat es sich immer als sehr gefährlich oder teuer erwiesen, wenn sich ein Familienmitglied mehr als drei Minuten irgendwo unbeaufsichtigt herumtrieb. Egal ob zwei- oder vierbeinig. So war es auch in diesem Fall. Meine Tochter war damals 21 Jahre alt, aber hatte genauso viele Flausen im Kopf wie meine jungen Hunde. Manchmal schlimmer.

Plötzlich kam sie strahlend ums Eck und drückte ein schwarzes Pelzknäuel an ihre Brust. „Schau mal Mama, ein Mops“. Ich schlug die Hände vor das Gesicht und schüttelte vehement mein Haupt. Das nahm Marie zum Anlass um kurz zu verschwinden und mit einem andersfarbigen pelzigen Tier im Arm erneut aufzutauchen. Diesmal handelte es sich – wieder um einen Mops. Doch farblich hatte er große Ähnlichkeit mit der hübschen Bulldoggen-Hündin, für die ich mich schon nach wenigen Sekunden entschieden hatte. „Er heißt Jakob“ flötete Marie und setzte ihr unwiderstehlichstes „Mama-ich-hab-dich-ja-soooo-lieb-Gesicht“ auf.

Zwei Augenpaare strahlten mich unwiderstehlich an. Die blauen Augen meiner Tochter und die braunen eines bildschönen Mops-Kindes namens Jakob. Der Züchter – der alle Schandtaten Einsteins bis ins Detail kannte – meinte, dass ich mit zwei jungen Hunden die schlimmsten Kollateralschäden verhindern würde. Erstaunt und fragend sah ich ihn an. Was er sagte, schien logisch. Zwei gleichaltrige junge Hunde sind mehr mit sich beschäftigt als mit der Demontage eines Einfamilienhauses mit Garten. Er sollte Recht behalten.

Folglich fuhr ich mit zwei Hunden nach Hause. Daheim erwarteten uns Alaska und Einstein. Mein Molosser-Rudel hatte sich binnen eines Tages verdoppelt. Ich habe es nie bereut. Zumal die Hunde sich nach kürzester Zeit zu einer Einheit zusammenfügten, die uns begeisterte.

Wenn ich von unterwegs nach Hause kam, standen alle Vier nebeneinander auf der Treppe, um mich zu begrüßen. Das sah aus wie eine gut einstudierte Zirkusnummer. Die riesige Alaska neben dem Zwerg Mops, daneben Einstein und Madame. Wenn sie schlafen gingen, dann meistens alle in ein gemeinsames Hundebett. Ich hätte niemals gedacht, dass Rudelhaltung derart wunderbar funktionieren würde.

(1) Das bezieht sich ausschließlich auf mein Privatleben. Beruflich bin ich selbstredend „Superwoman“. Weil dort lasse ich die Patienten selbst ihre Entscheidungen treffen.

 

88. Meine Liebe zu den Molossern

Die Liebe zu Tieren zog sich in meiner Herkunftsfamilie über Generationen durch wie ein roter Faden. Die Liebe meines Urgroßvaters galt den Pferden. Insofern leitete er auch das königlich bayerische Stammgestüt. In den Generationen danach gab es unterschiedliche Vorlieben für Hunderassen. Auf Bildern sehe ich stets eine Neigung meiner Vorfahren, Hunde nicht einzeln zu halten sondern paarweise.

Meine Großeltern hatten ein Faible für Schäferhunde. Mein Vater war ein Fan von Terriern. Er hielt als junger Mann würdevoll dreinblickende Airdale-Terrier und später ein munteres Foxterrier–Gespann.

Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, habe ich so manche Rassen durchprobiert, etliche Tierheimhunde aufgesammelt, bis ich anfing, mir meinen Traumhund schlechthin, die englische Bulldogge, zuzulegen.

Ich habe lange überlegt, was bei mir die Faszination für diese äußerst seltene Rasse auslöste. Zum einen imponierte mir die Unerschrockenheit und Tapferkeit der Bulldogge die in früheren Zeiten ein echter Kampfhund war. Zum anderen bin ich eher ein vorsichtig ängstlicher Mensch, der es genießt, einen Hund an seiner Seite zu haben, mit dem er auch nachts durch Problemviertel marschieren kann.

Erste Aufzeichnungen über den Charakter der englischen Bulldogge gehen auf das Jahr um 1500 zurück, wo sie als „Bonddogge“ oder „Bolddogge“ erwähnt wurden. „Sie wurden so genannt, ….weil sie tagsüber mit Ketten …angebunden sein mussten, da sie sonst zuviel Schaden angerichtet hätten. Das sind ungeheure Tiere, eigensinnig, hässlich, jähzornig und mit schwerfälligem Körper, schrecklich und furchtbar anzusehen und meistens grimmiger und grausamer als irgendein griechisches oder korsisches Drecksbiest. Unsere englischen Männer richten ihn mit Gewöhnung und Geschick zum Kampf mit Stieren, Bären und Löwen ab“.

Der Bulldog gehört zu den ältesten Rassen, deren Alter, Herkunft und Anfänge der Reinzucht genau bekannt und belegt sind. Schon sehr früh strebte man züchterische Breitmauligkeit, starken Vorbiss und gut zurückliegende Nase an. Damit sich der Bulldog als Kampfhund besser verbeissen konnte und zum Atmen nicht loslassen musste. Die querliegenden Stirnfalten mussten genau über den Augen quer liegen, um zu verhindern, dass bei Kämpfen das herunterrinnende Blut in die Augen floss und die Sicht unmöglich machte.

So konnte man ihn über Jahrhunderte zum Bullenhetzen, Stier- und Bärenkampf, bei mörderischen Hundekämpfen einsetzen. Endlich verbot im Jahre 1835 das englische Parlament diese blutrünstigen Kämpfe.

Nach diesem Verbot waren die Bulldoggen jahrelang davon bedroht auszusterben. Es gab nur noch wenige Liebhaber und Züchter, die den Hunden treu blieben. Durch geschickte Zuchtauswahl versuchten sie – mit Erfolg – einen angenehmen Haushund zu schaffen.

Heute fällt es schwer zu glauben, dass Tiere, die früher einmal nur auf Bissigkeit, Mut, Angriffslust und Härte gezüchtet wurden, zu solch liebenswürdigen, charaktervollen Gefährten des Menschen umgewandelt werden konnten.

Wenn ich mir meine Bulldoggen betrachte, so schlummert tief in ihnen noch genau dieses gefährliche Blut, wenn man sie genügend reizt.

Doch wesentlich ausgeprägter ist ihr kaum zu stoppender Spieltrieb. Was Einstein schon als kleinen Welpen faszinierte, waren Bälle. Anfangs war ein Tennisball für den kleinen Kerl eine große Herausforderung, weil er ihn mit Müh und Not zwischen seine Kiefer bekam. Dazu musste er sein Maul elendiglich weit aufreißen.

Je größer er wurde, entwickelte er ein fundamentales Interesse vor allem für Fußbälle. Selbstredend bekam er diese Größenordnung nicht zwischen die Zähne – er verbiss sich schlicht und ergreifend darin. Dann war es nahezu aussichtlos, ihm einen Fußball zu entreißen.

Fröhlich knurrend und mit dem Schwanz wedelnd grinste er uns überlegen an, wenn wir ihn anbettelten: “Lieber Einstein, bitte gib den Ball heraus.“ Fehlte nur noch, dass er sich mit einer Vorderpranke an seine Bulldoggenstirn tippte. „Gott seid ihr bescheuert – ich bin hier der Chef und bestimme die Spielregeln.“

Mein Mann und ich unternahmen täglich Spaziergänge. Am liebsten um einen nahe gelegenen See. Dieser See ist Bestandteil eines wunderschön angelegten Naherholungsgebietes und wird flankiert von verschiedenen Spielplätzen, einem Tennisplatz und einem Sportgelände, wo regelmäßig Fußballspieler trainieren und Turniere stattfinden.

Eines Nachmittags kamen wir am Fußballplatz vorbei. Jede Menge sportlich aussehender junger Männer rannte hinter einem Ball her. Am Spielfeldrand standen viele begeistert johlende und die Mannschaften anfeuernde Menschen.

Das nahm unser Einstein zum Anlass dort mit zu mischen. Er setzte zu einem seiner berühmten Schnellspurts an, rammte wie ein Panzer unter dem Maschendrahtzaun des Fußballfeldes durch und nahm den Ball, um den es gerade ging, aufs Korn.

Das bedeutete, dass er ohne Rücksicht auf Verluste zwischen den Fußballspielern in Richtung Ball zielorientiert nach vorne schoss. Ich sah zwei Spieler hastig zur Seite springen. Ein dritter ging von Einstein unbarmherzig gerammt zu Boden.

Die Menge drum herum schrie vor Schrecken auf. Mein Mann und ich standen am Zaum und flehten Einstein an zurück zu kommen. Das hätten wir uns sparen können. Dann brüllten wir uns die Kehlen aus dem Leib – ebenso ohne Erfolg. Die Aufmerksamkeit des Publikums war nunmehr voll und ganz auf die englische Bulldogge gerichtet, die sich in den Fußball verbissen hatte, mit stolz erhobenem Kopf quer über das Fußballfeld raste und den Ball dabei fröhlich schüttelte.

Für die Spieler wurde es ein Heidenspaß unserem Einstein hinterher zu jagen. Doch sie hatten nicht die geringste Chance, ihm den Ball abzunehmen. Erst als wir einem sehr mutig aussehenden Spieler zuriefen, den Hund am Halsband zu packen und zu uns an den Zaun zu bringen konnten wir dem Spuk ein Ende setzen.

Ich stand kurz vor einem Hundemord. Unter Aufbietung aller Energie zerrte ich den Ball aus Einsteins Maul und verzichtete noch einmal gnädig darauf, den Bulldog zu erwürgen. Einstein strahlte über beide Ohren, und blickte mich mit dem Stolz eines Bundesligasiegers an. Wie sollte man da auch nur eine Sekunde böse bleiben. Unmöglich.

Mit hochroten Köpfen entschuldigten wir uns und setzten unseren Spaziergang mit einem angeleinten Hund fort. Zuschauer und Spieler johlten uns begeistert winkend hinterher.

Neben der Leidenschaft für Bälle hatte Einstein einen Heidenspaß, auf Kinderspielplätzen seine eigenen kleinen Spielchen zu spielen. Eine Rutsche am See hatte es ihm besonders angetan. Die Rutschbahn ist sehr geschickt in einen Hügel eingebaut, so dass man keine Leiter hochklettern sondern nur den kleinen Hügel bezwingen muss, um mit dem Rutschen zu starten. Im Internet kann man das unter http://youtu.be/dhbMPwK6DoE anschauen. Hier raste der Bulldog unermüdlich den Hang hoch, stürmte auf die Rutsche und ab ging es in die Tiefe. Das konnte er dutzende male wiederholen.

Auch der Anblick einer Kinderschaukel setzte bei Einstein regelmäßig seinen alten Bullenhetztrieb in Gang. Begeistert verbiss er sich in jede Schaukel die sich ihm darbot. Dann raste er mit raketenartiger Geschwindigkeit darauf zu, sprang hoch und verbiss sich im Schaukelsitz. Dabei war es ihm völlig egal, dass er jeden Kontakt zum Boden verlor und nur noch wild zappelnd mit allen Vieren durch die Luft ruderte. Je stürmischer die Schaukel dabei hin und her schwang desto lieber hatte er es.

Mit in der Luft zappelnden vier Beinen, unerbittlich mit seinen kräftigen Kiefern festhaltend, schwang er umher. Das hielt er lässig bis zu fünf Minuten durch. Dabei grauenvoll knurrend und japsend bis wir einschritten. Das mussten wir sehr energisch machen, weil Einstein niemals freiwillig losgelassen hätte. Kämpfen bis zum Umfallen oder sicherer Tod – so sind Bulldogs programmiert wenn man bei ihnen den Schalter umlegt.

Als Einstein ein komplett ausgewachsener und massiv muskelbepackter Bulldog geworden war, gingen wir wieder mal in der Nähe von Einsteins Lieblingsschaukel spazieren und hatten unvorsichtigerweise den Hund nicht angeleint.

Plötzlich raste der Bulldog los und war wie immer auch durch wildes „Pfui“, „Komm zurück“ nicht zu stoppen. Als ich in die Ferne zur Schaukel blickte sah ich einen Mann darauf sitzen, der sein kleines Kind auf dem Schoss hielt und gemütlich schaukelte. Auf Einsteins höchstpersönlicher Schaukel.

Als er der anfänglich tiefen entspannte junge Vater mit Kind auf dem Schoss das begeistert knurrende und jaulende Monster Einstein mit Vollgas auf sich zu rasen sah, sprang er in letzter Sekunde ab, warf sich im Gras schützend über sein Kind und sah fassungslos zu wie Einstein seinen Bullenkampf mit der Schaukel startete. Ich wage mir nicht vorzustellen, was passiert wäre, wenn der junge Mann nicht so reaktionsschnell gehandelt hätte. Im Nachhinein sind wir diverse Kastrationsphantasien durch den Kopf geschossen. Wobei ich sagen muss, dass unsere Bulldoggen trotz ihrer stürmischen Art noch niemals einem Menschen oder Tier ein Haar gekrümmt haben.

Wir hatten alle Mühe nach dem Vorfall am Spielplatz den zitternden Mann und sein schreiendes Kind zu beruhigen. Nach einer halben Stunde ausführlicher Erklärungen, wie englische Bulldoggen ticken, verstand der Vater die Situation und sein kleiner Sohn begann, Einstein ebenso respekt- wie liebevoll zu streicheln. Schließlich hatten sie alle etwas gemeinsam: Schaukeln und durch die Luft schwingen. Die Menschen ruhig und entspannt. Zumindest bis zum Totalangriff des Hundes. Einstein hingegen in einer etwas wilderen Variation. Wie eine Bulldogge halt.