113. Buch

Es hat eine Weile gedauert, bis mein Buch erschienen ist. Letzte Woche wurden mir die ersten Exemplare geschickt.

Rosa van Almen: Hunde in der Psychotherapie

Erschienen bei „Dogs and Jobs“ unter der ISBN: 978-3-944473-14-7

Auf der Rückseite des Buches steht folgender Klappentext:

Diplom-Psychologin Rosa van Almen setzt in ihrer Praxis für Verhaltenstherapie seit über 30 Jahren Therapiebegleithunde ein. Von Angststörungen über Zwangsstörungen zu Burn-Out – die Psychologin nimmt Sie mit auf eine Reise durch ihren Praxisalltag.

Anhand von anschaulichen Fallbeispielen lernen Sie, wie ein Hund in der Psychotherapie hilft. Dieses Buch zeigt Ihnen praxisnah, wie die Arbeit mit dem Ko-Therapeuten Hund in der Psychotherapie erfolgreich umgesetzt werden kann.

 

112. Die Anstalt

Rosa war die letzten drei Wochen wie vom Erdboden verschluckt. Als sie vorgestern zurückkam, mit DREI riesigen Koffern im Schlepp, tat ich erst mal so, als würde ich sie wenig oder gar nicht kennen. So beleidigt war ich.

Ach liebste Marie, Rosa kann uns mal den Buckel runterrutschen

Ach liebste Marie, Rosa kann uns mal den Buckel runterrutschen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn unsere Rudelführerin mit uns auf Wellness-Urlaub geht, hat sie bestenfalls EINEN Koffer mit.

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Diesmal waren wir nicht eingeplant.  Ich verstand die Welt nicht mehr. Rosa hatte sich ohne uns verkrümelt. WOCHENLANG. Genau genommen einundzwanzig endlose Tage, in denen mir jede Stunde, Minute endlos und langweilig erschien.  

War das der Dank für jahrelange aufopferungsvolle Mitarbeit in ihrer Scheiß-Praxis? Dicker Hund. Nicht zu fassen.

Bis ich hörte, wie Marie mit Rosa telefonierte und dabei sorgenvoll die Stirn runzelte und kleine Entsetzensschreie in kurzen Abständen von sich gab. „Ach Mama, das tut mir ja soooo leid!“

Dann erfuhr ich in kleinen Schritten, was man meiner Rudelführerein angetan hat. Sie war eingesperrt worden. In einer Anstalt. Zusammen mit ca. 300 weiteren  Personen.

Ich kenne meine Chefin jetzt schon zehn Jahre und sie ist der redlichste Mensch unter Gottes Sonne. Gutmütig ohne Ende. Großzügig. Nie im Leben würde sie etwas klauen oder jemanden ermorden. Daher hat es mich mehr als entsetzt, dass sie offenbar eingebuchtet wurde. Aus den unzähligen Krimis und Thrillern, die wir uns gemeinsam in all den Jahren reingezogen haben, war mir klar, was es bedeutet, hinter Gitter zu wandern. „Arme Rosa. Was hast du nur verbrochen?“.

Unzertrennlich

Unzertrennlich

Endlose Gespräche mit meiner Bulldoggen-Freundin und intimsten Lebenspartnerin Madame brachten uns keinen Schritt in der Wahrheitsfindung weiter. Bis ich ein Gespräch zwischen Rosas erwachsenen Kiddis belauschte. Ganz empört berichtete Marie ihrem Bruder Philip von den Zuständen in Rosas Anstalt: von Rollstühlen und Krücken und Gehwagerln  und dass Rosa weder das eine noch das andere benötige. Zum Glück. Statt dessen würde sie täglich von sieben Uhr morgens bis zum Nachmittag herumgescheucht werden; unzählige weißbekittelte Typen machten mit ihr die wildesten Sachen;  so wie ich es verstanden habe, wurde sie mit Elektroschocks gefoltert und  häufig in Schlingenkäfige eingesperrt. Täglich gebe es so etwas wie ein gemeinschaftliches Gruppenvergnügen, wo die Inhaftierten durch eine Turnhalle mit Stäben gejagt würden, auf eine Gummimatte geschmissen und dann  mussten sie die widerlichsten Verdrehungen mit  Armen, Beinen und der Wirbelsäule machen  und wurden  auf diese Art unbarmherzig  gefoltert.

Philip kommentierte das knapp und trocken so: „Guantanamo ist ja dagegen ein Scheißdreck“. Zum Glück – meinte Marie- gäbe es dort kein Waterbording; statt dessen würde man im Laufschritt durch eine übel nach faulen Eiern stinkende Pißbrühe in einem sogenannten Bewegungsbad gescheucht werden, während ein Weißkittel am Beckenrand fiese Kommandos erteile, die die Gepeinigten im Wasser nachzumachen hatten. Ziemlich unfairer Deal, finde ich.

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Aus eigener bitterer Erfahrung weiß ich, wie blitzschnell ich am Rande eines Sees den Wasservögeln nachrase und jäh gestoppt werde, sobald ich mich auch nur dreissig Zentimeter ins tiefere Wasser hinauswage und die widerlichen fedrigen Geschöpfe mich wild flatternd von oben verhöhnen, während ich mir mühsam meinen Weg durch das nasse Element bahne. Schwimmen kann ich nicht so gut. Rosa glaube ich auch nicht. Demnächst will sie einen Kraulkurs machen. Wahrscheinlich um das nächste mal in einer Anstalt mit etwas mehr Würde zu überleben. Das ganze heißt REHA, erfahre ich nach und nach.

Als meine Chefin wieder im Hause war, flitzte sie mit atemberaubender Geschwindigkeit über die Treppenstufen und die Marschgeschwindigkeit auf unseren Gassi-Touren hat sie erschreckend gesteigert.  Verdammter Mist!

Philip mußte aus unserem Keller ein uraltes Trimmrad hervorholen, das sie wild entschlossen jetzt täglich bearbeitet statt auf der Couch abzuhängen. Vorbei ist es mit unserer Gemütlichkeit. Herr im Himmel, hilf uns. Bitte!

Wir möchten keinen Gassi-Stress

Wir möchten keinen Gassi-Stress

111. Nightmare

Es liegt mindestens 20 Jahre zurück. Ein Mann meldete sich telefonisch an, um über die schmerzhaften Folgen seiner Trennung nach langjähriger Ehe zu sprechen.

Als er mir gegenübersass überraschte mich die Intensität der Augen, die mich unverwandt anstarrten. Sie erinnerten an die Farbe unergründlicher morastiger Seen wie ich sie von meinen Ausritten durch das Moor oftmals gesehen hatte. Allerdings aus meinem Sattel und aus sicherer Höhe.

Noch bevor der Patient zu sprechen begann, stellten sich meine Haare auf den Armen senkrecht nach oben. Mich fröstelte.

Selbständiger Fliesenleger, durchschnittlich groß, schlank, sportlich durchtrainiert. Eine Stimme wie eine ungeölte Tür. Offenbar schien er kein leichtes Leben hinter sich zu haben. Sein Gesicht sprach Bände: finster zusammengezogene Augenbrauen, tief eingegrabene Falten, die nicht vom Lachen kamen und Augen die trotz ihrer diffusen Wäßerigkeit eiskalt schimmerten.

100_0312Damals hatte ich noch keinen Einstein an meiner Seite. Leider. Lediglich ein entzückender Rauhaardackel döste irgendwo im Haus in seinem Bettchen und hatte nicht die geringste Ahnung, was sich da eben in unser Haus eingeschlichen hatte.

Die Schilderungen des Patienten klangen auf der verbalen Ebene so, als wäre er nach Trennung von seiner Frau entsetzlichen seelischen Qualen ausgesetzt und würde sich nach ihr aus reinster Seele sehnsuchtsvoll verzehren. Zusätzlich belastend erlebte er den Verlust seiner Kinder, die die Gemahlin ohne vorherige Ankündigung mitgenommen hatte. Das alles sei plötzlich und unvorbereitet über Nacht passiert. Weg war sie, die heissgeliebte Familie und seit etlichen Wochen wie vom Erdboden verschluckt.

Während der Erzählung von Trennung und sich daran anschließender Einsamkeit entdeckte ich eine unglaubliche subtile Aggression, die von dem Mann ausging. Er verzerrte in Abständen das Gesicht und ballte seine Fäuste, dass mir Angst und Bange wurde. Nach einem so schmerzlichen Verlust, wie er mir geschildert wurde, hätte ich den Griff nach Taschentüchern und dicken Tränen erwartet. Weit gefehlt. Der Patient war so weit weg von Trauer und Entsetzen wie die Sonne vom Mond.

Nach seinem Arbeitsauftrag befragt antwortete er, dass er sich Beistand und Verständnis wünsche in dieser harten Zeit. Auf die Frage, wie es denn zu der abrupten Trennung gekommen sei, wollte er nicht weiter ausholen und meinte, er würde mir das Tagebuch seiner Frau in den Briefkasten werfen, aus dem hervorginge, was im einzelnen geschehen sei.

Wir vereinbarten einen Folgetermin und ich spürte Erleichterung, als er gegangen war. Am nächsten Tag öffnete ich meinen Briefkasten und entdeckte ein kleines Büchlein, das ohne Kuvert oder Begleitkommentar einsam und nackt, irgendwie schutzlos zwischen meiner Post zum Vorschein kam. „Aha“, dachte ich, „das muss wohl das Tagebuch sein, das mir versprochen worden war“.

Spät am Nachmittag warf ich den ersten Blick hinein und binnen Sekunden verschlug es mir den Atem. Nach einiger Zeit, in der es mich vor Wut und Ekel schüttelte, hatte ich das meiste durchgelesen. Mein Blutdruck kletterte in schwindelerregende Höhen und zwischendurch stieg Angst und Panik in mir auf bei dem Gedanken an den Folgetermin mit einem Monster.

In dem Tagebuch war die Geschichte einer Ehe festgehalten worden, die an Ungeheuerlichkeiten und Qualen kaum zu überbieten war. Jahrelang anhaltender Terror, der sich sukzessive so sehr steigerte, dass die Ehefrau am Ende ihre Kinder packte und in ein Frauenhaus flüchtete.

Die Schreiberin begann mit der Schilderung ihres Alltages als Mutter zweier kleiner Söhne. Ich nenne sie Maria. Ihr Mann stellte ihr nur unzureichend Wirtschaftsgeld zur Verfügung. Folglich kam nur gelegentlich Fleisch auf den Tisch, weil das Geld dafür nicht reichte. Als Dank für die Bemühungen, ein Essen mit geringen Mitteln zu zaubern, schlug ihr Mann sie laut brüllend ins Gesicht, vor den Kindern und während des Essens, wenn es ihm nicht schmeckte.

Sobald die Kinder sich aus lauter Angst unter dem Tisch verkrochen, terrorisierte er die kleinen Buben, indem er nach ihnen trat oder seine brennende Zigarette auf ihren Armen ausdrückte, bis sie laut schreiend hervorkamen. Bei sämtlichen Gewaltaktivitäten floss in der Regel Blut. Aus Nasen oder geplatzten Lippen. Tritte und Schläge versetzte das Horrormonster allen geschickter weise so, dass die Verletzungen unter der Kleidung versteckt werden konnten. Würgemale am Hals hatte die leidgeprüfte Maria mit einem Halstuch zu kaschieren und die Buben trugen Schals.

Im Laufe ihres etwa zehn Jahre währenden Ehelebens musste Maria sämtliche Kontakte abbrechen. Ihre uralte Mutter, einzige Anverwandte,  lebte hunderte Kilometer entfernt in einem Pflegeheim. Ansonsten hatte niemand die geringste Ahnung, welchem Martyrium Maria ausgesetzt war. Wenn ihr gnädiger weise mal das Familienauto zum Einkaufen zur Verfügung gestellt wurde, kontrollierte ihr Gatte den Kilometerstand beim Wegfahren. Falls er bei der Rückkehr entdeckte, dass seines Ermessens zu viele Kilometer auf dem Tachostand  sich angesammelt hatten, schlug und trat er seine Frau, sobald sie die Haustüre hinter sich geschlossen hatte,  bis sie stürzte und hilflos wimmernd am Boden lag. Das hielt ihn nicht  davon ab, je nach Gemütslage und Ausmass seiner unbändigen Wut, weiter auf sie einzutreten.

Das schlimmste Vorkommnis ereignete sich, als Maria schwanger wurde. Nach einer Vergewaltigung durch ihren Mann. Ungeachtet ihres Zustandes eskalierten die häuslichen Auseinandersetzungen von Tag zu Tag mehr. Dann kam der verhängnisvolle Tag, der Maria fast das Leben kostete.

Wieder einmal hatte sie nicht so „funktioniert“ wie sie sollte. Zu spät nach Hause gekommen. Fünf Kilometer zuviel auf dem Tacho. Kaum war die heimkehrende Maria von ihrem Mann in die häusliche Wohnung gezerrt worden, schlug er sie dieses mal noch heftiger als sonst. Mit Tritten in den Bauch, der schon deutliche Spuren der fortgeschrittenen Schwangerschaft aufwies. Ihr Leib war schon längere Zeit deutlich gewölbt. Genau dort hinein trat ihr Göttergatte sie. Berufsbedingt trug er meist massive Schuhe mit Stahlkappen an den Spitzen, damit er sich auf den Baustellen nicht verletzte. Maria wurde so lange getreten, bis sie bewusstlos wurde, während das ungeborene Kind sich entschied, diese Familie ganz schnell zu verlassen. Als das Monster bemerkte, dass seine Frau kurz vor dem Sterben stand und eine Unmenge Blut aus ihrem Leib trat, bekam er es mit der Angst und rief den Notarzt. „Meine Frau ist gestürzt, bitte kommen sie schnell“. In einer Not-Op konnte Maria knapp gerettet werden. Das Kind war tot.

Als ich dies alles in dem kleinen Büchlein gelesen hatte war mir nur noch schlecht. Es schien mir undenkbar, dass solche Gewaltexzesse noch länger andauern sollten und von Maria toleriert werden würden. In der Tat bewahrheiteten sich meine schlimmsten Befürchtungen, wie die restlichen Aufzeichnungen bewiesen.

Um seine Familie zu ängstigen entwickelte das Monster raffinierte Fahrtechniken beim Lenken des Autos. Besonders auf Landstraßen liebte er es – wenn er schlecht gelaunt war, – auf die Gegenspur zu wechseln und volle Kanne auf die wild blinkenden Autos, die ihm entgegenkamen, zuzusteuern. Dabei brüllte er lauthals: „Ich habe die Schnauze voll von euch und ihr sollt jetzt verrecken und ich bringe uns alle um!“

Die Aufzeichnungen Marias endeten damit, dass sie die Flucht an einen sicheren Ort plante. Davon gibt es in grossen Städten und auch auf dem Land so einige. Hier ist das Unterkommen für gequälte Kreaturen wie Maria möglich. Und damit war sie verschwunden aus dem Leben des Monsters. Ihre Kinder bei ihr ab sofort in sicherer Obhut.

Die Geschichte endete damit, dass ich mir Pfefferspray besorgte und in meiner Jackentasche griffbereit verstaute vor dem nächsten und definitiv letzten Gespräch mit dem Horror-Typen. Mir war klar, dass ich im Gespräch unendlich behutsam vorgehen musste beim Versuch, ihm klarzumachen, dass ich nicht mit ihm weiter arbeiten wolle. So unberechenbar und hasserfüllt er mit Frau und Kindern umgegangen war – was würde er tun, wenn ich mit meiner frechen Klappe irgendwann sein Missfallen erregen würde? So redete ich mit Engelszungen auf ihn ein, dass nach der Enttäuschung über das Ehe-Ende ein männlicher Behandler sicher besser für ihn geeignet wäre. Insofern empfahl ich ihm einen Kollegen, der viele Jahre im Knast als Gefängnispsychologe gearbeitet hatte und die entsprechende Figur besaß. Muskulös und riesengroß. Der erzählte mir irgendwann später, dass die Kripo ihn zum Verhör geholt hatte. Es bestand Mordverdacht. An einem unschuldigen Fahrradfahrer.

 

110. Bandscheibenvorfall

In meinem ganzen Leben habe ich noch niemals derart ausdauernd in die Glotze gestarrt wie während meiner Magen-Darm-Erkrankung. Recht viel mehr wie geradeaus schauen war mir zwei Tage lang ja auch nicht vergönnt. Vor mich hinglotzen wäre sicher nicht das Problem gewesen – doch ich tat es angesichts der nervenzerfetzenden Spannung meiner Lieblingsserie mit nach vorne gestreckten Schildkrötenhals in Situationen steigender Spannung.  Was tut man nicht alles in Erwartung des nächsten siegreichen Abenteuers seiner Helden.

Mein Bett im Schlafzimmer ist mit allen Raffinessen ausgestattet, die mir Luxus und Bequemlichkeit verschaffen. Unzählige Kissen in einem elektrisch in allen Stufen regulierbaren Bett – gemacht für Königinnen wie mich. Nirgendwo stand geschrieben, dass ich mich wie eine Schildkröte darin zusammenziehen sollte in Momenten von Gefahr. Doch ich Trottel fieberte bei „Game of Thrones“ jede Sekunde solidarisch mit den von mir favorisierten Kämpfern mit,  zog die Schultern hoch und schob den Hals nach vorne – um mich entweder zu schützen vor dem Anblick nicht zu beschreibender Grausamkeiten oder ganz genau jedes Detail zu beobachten, weil ich halt furchtbar neugierig und emphatisch bin.

Das hatte zur Folge, dass ich mir – wieder mal (diverse Sportverletzungen lassen grüssen) – einen Bandscheibenvorfall in der HWS zuzog, zu meiner Physiotherapeutin schlich und alle Qualen einer Extensions-Behandlung eine halbe Stunde lang ertrug. „Frau van Almen, immer schön durch die Nase atmen, nicht die Luft anhalten“ befahl meine Folterknechtin, eine Meisterin ihrer Zunft, mit Zauberhänden gesegnet. „Daheim setzen sie immer mal wieder für ein Stünderl ihre orthopädische Krawatte auf, bis es besser wird. Und brav die Übungen machen, die ich ihnen gezeigt habe! Und den Hals schön warm halten!“

Nachdem ich wieder nach links und rechts sehen konnte ohne dabei schrille Schmerzensschreie auszustossen und mein Auto dank einer Rückfahrkamera und nervtötender Pieps-Signale zuverlässig meldet, sobald ein Hindernis mir in die Quere kommt, entschied ich mich zu meinem Lieblingsgemüsehändler aufs Land zu fahren. Ich kenne sein Anbaugebiet und liebe seine Ware. Biologisch einwandfrei, superlecker und sauteuer. Was soll`s. Qualität hat nun mal ihren Preis.

Die Schlange der vor mir stehenden Naturkostfreunde war überschaubar. Plötzlich überfiel mich ein äußerst unangenehmer Geruch. Der Typ vor mir. Wohl eine Woche lang nicht geduscht. Also Kiefer öffnen, Zahnreihen entspannt auseinander klappen bis man ein wenig grenzdebil  aussieht und dann tapfer durch den Mund atmen. Das entspannt zum einen und schaltet die Geruchswahrnehmung weitestgehend aus.

Bis ich die Stimme des Stinkstiefels vor mir vernahm. Der Klang erinnernd an eine schlecht geölte Tür, wenn eiskalte Metallteile aneinander reiben oder Kreide auf einer Tafel quietschend abrutscht. Sofort schossen mir Bilder und Szenen aus der Vergangenheit blitzartig ins Rückenmark und riefen eiskaltes Entsetzen hervor. Ich erinnere mich nur sehr schlecht an Namen. Stimmen hingegen vergesse ich selbst über Jahrzehnte hinweg niemals. Vor Schreck klappte ich mein Maul zu. Peng. Den Typen kannte ich. Ein ehemaliger Patient. Mit einem Schlag ploppten sämtliche Erinnerungen an diesen Fall in meinem Gedächtnis hoch, gespickt mit grauenvollen Einzelheiten. Ich stand fassungslos und entsetzt da, für ein paar Momente zur Salzsäule erstarrt, und hielt die Luft an, bis das Monster vor mir seine Sachen gepackt und gezahlt hatte und um die Ecke verschwunden war.

Dieser Mann war der Auslöser, dass ich bis heute ständig ein Pfefferspray griffbereit in meiner Praxis stehen habe. Der Fall liegt unendlich lange zurück. Der Typ war mit Abstand das Schrecklichste, was jemals die Schwelle meines Hauses betreten hat. Game of Horror.

In meinem Beruf passieren oft ungeheure Dinge. Nicht umsonst ist mein Haus aufgerüstet mit einer Alarmanlage vom Feinsten und einem Notrufknopf, der einen Sicherheitsdienst binnen Minuten herbeiruft. So arbeite ich stets entspannt und hoffnungsfroh in Erwartung positiver Therapierfolge. Vom Grauen, das mir vorhin über den Weg tappte, erzähle ich im nächsten Kapitel.

Wächter rund ums Haus

Wächter rund ums Haus