120. Sehnsucht

Der Sommer ist mit atemberaubender Geschwindigkeit an mir vorüber gezogen und hat unendlich viele Geschenke hinterlassen. Am besten fange ich mit den kleinen, aber feinen Dingen an, die man mir nicht einfach zu Füssen gelegt hat, sondern die ich als Chance erhielt, um sie ebenso dankbar wie mühsam auszubauen.

Im Klartext heißt das, dass ich meine „schriftstellerischen“ Aktivitäten zu Gunsten sportiver Bewegung an frischer Luft reduziert habe. Wie meine Leser sicher schmerzlich bemerkten, habe ich an meinem Blog keine einzige Sekunde gesessen. Stattdessen arbeitete ich an der Verbesserung meiner früheren sportlichen  Form, zu der ich nach und nach zurückfand. Sicher nicht ganz, aber altersentsprechend. Immerhin darf man nicht vergessen, dass ich in Riesenschritten auf die Siebzig zugehe.

Das größte Glück nach wie vor ist meine Großfamilie in unmittelbarer Nähe um mich herum. Philip lebt im Nachbarhaus. Marie trotz anfänglicher Vorbehalte nach wie vor höchst zufrieden in meiner Riesenhütte. Clara flitzt zwischen den Häusern hin und her. Im Schlepp hat sie ihre Cousine Leni. Drei Monate jünger, aber mit einer Stimmgewalt ausgestattet, die ihresgleichen sucht. Leni beglückt uns als sogenanntes „Tageskind“. Montag bis Donnerstag von 7 Uhr bis 17 Uhr. Am Freitag bis 15 Uhr. Erstaunlicherweise funktioniert das alles ganz hervorragend. Auch wenn ich manchmal versucht bin, mir Kopfhörer aufzusetzen, sobald Leni loslegt.

Manchmal denke ich, dass ich so einiges im Leben vermutlich richtig gemacht habe. D.h. meine größte Sehnsucht war immer eine relativ gut funktionierende  Familie um mich herum. Dass das Schicksal es so gut mit mir meinte, und das ganze Großfamilien-Gedönse um mich herum einen solchen Heidenspass macht, habe ich nie in der Form erwartet. Danke liebes Leben!

Als verhaltenstherapeutisch geschulter Mensch habe ich natürlich überlegt, wie es dazu kommen konnte. Dann fiel mir meine Kindheit ein. Eingebettet in Fürsorge und Liebe. Zudem fiel mir ein, was meine Eltern alles dazu getan haben, dass in den ersten zehn Jahren meines Lebens es an nichts  mangelte. Besonders schön erlebte ich unsere Sommerurlaube. Die verbrachten wir in der Steiermark auf einem Bauernhof. Meine Eltern, mein Bruder und ich. Um uns herum Unmengen freundliche Kühe, deren Zungen wie Reibeisen über unsere Gesichter und Hände leckten, wenn wir sie abknutschten. Dann gab es herzige Schweinderl in allen Altersgruppen und Größen. Das beste waren die Haftlinger. Eine robuste Pferderasse, kinderlieb und ideale Arbeitstiere auf den Feldern in der steilen Bergwelt des Ennstales.

Mit vier Jahren saß ich das erste mal auf einem nackerten Pferderücken. Der Haflinger unter mir nahm keine Notiz von mir und graste friedlich, während ich „Hüh“ rief und vergeblich versuchte, das Pferd zu bewegen, ein paar Schritte mit mir zu machen. Das änderte sich ziemlich schnell, da ich energisch war und meine Eltern grinsend den Haflinger hinter sich her zogen.

In den folgenden Wochen und späteren Jahren, wo wir immer wieder voller Begeisterung in die Steiermark zurückkamen, lernte ich, dass das höchste Glück der Erde auf dem Rücken von Pferden zu suchen und zu finden ist.

So beschloss ich, den Sehnsuchts-Ort meiner Kindertage erneut aufzusuchen. Was ich dort erlebte, nach 62 Jahren, hat mich richtig umgehauen.  Der Bergbauernhof von einst trug noch den selben Familiennamen und war – eine Generation später –  im Besitz meines Jugendfreundes Willi, wie mir seine Frau am Telefon mitteilte.  Ich kündigte meinen Besuch an und war überrascht von der positiven Resonanz und Freude, die das auslöste, obgleich ich ein rotzfrecher Balg war.

Die Ferien auf dem Hof verliefen jedes Jahr spannend und boten alles, was eine Kinderseele zum Glücklichsein braucht. Dazu gehörte natürlich auch,  die Erwachsenen um uns herum gelegentlich in den Wahnsinn zu treiben. Mein Freund Willi verstand es schon damals bestens, diverse Kinder- Katastrophen geschickt auszubügeln und unsere erzürnten oder besorgten Elternteile, je nachdem  was wir angestellt hatten, wieder auf Frieden und Harmonie zu trimmen. Zudem war er ein Meister darin, mit dem weiblichen Geschlecht wertschätzend umzugehen. Das hatte er seinen sieben Schwestern zu verdanken, die er stets geschickt in Schach zu halten wußte.

Manche Menschen werden im Alter hässlich und gemein. Andere wiederum attraktiv und super sympathisch. Willi und seine Frau gehören zu der letzteren Sorte. Ansonsten war alles noch so wie einst. Der wunderschöne alte Hof. Die Stallungen. Die Wiesen rundum. Der Duft des Grases – nichts hatte sich geändert. Im Stall standen 20 Kühe, die aufmerksam ihre Köpfe hoben und mich mit glücklichen Gesichtern ansahen, als ich ihn betrat.  Ihr Gesichtsausdruck verriet Intelligenz und sie sahen gepflegt aus und herrlich rund. Bei den saftigen Wiesen rundum und der Offenstall-Haltung  kein Wunder.

Wie vor 62 Jahren gab es auch noch die Haflinger. Dann sassen wir ganz lange zusammen und erzählten uns viele Geschichten, die wir gemeinsam erlebt hatten. Als Kinder. Im Laufe des Abends offenbarte mir Willi, dass ich seine große Kinderliebe gewesen bin. Ich hatte von nix eine Ahnung. Das nennt man Unschuld. Als ich acht Jahre war, gab mir Willi einen Kuss, erfuhr ich. Es war sein erster, den er mir schüchtern auf die linke Wange drückte. Jahrelang verehrte er mich heimlich und gestand mir, wie sehr er von grässlicher Eifersucht geplagt war, wenn ich bei meinen Ausritten einen Bauernbub im Nachbartal besuchte. Ich Schaf hatte von alledem niemals etwas mitbekommen, zumal ich primär an Vierbeinern interessiert war. Solchen, die wieherten.

Mein alter Freund Willi hat sich tüchtig entwickelt. 62 Jahre später entdeckte ich das. Holla hoppla, what a man! Graumeliert, groß, schlank, super Figur. Ehemaliger Landesmeister in der Vielseitigkeit – Steiermark wie Österreich. Für nicht Reitkundige : die anspruchsvollste sportliche Herausforderung. Dann war Willi auch noch oberster Pferde- und Zuchtsachverständiger geworden, Richter und Obmann. Als ich ganz verschüchtert fragte, ob er mir eventuell einen Lipizzaner besorgen könne, der die Kunst der alten Hohen Schule beherrsche, rief er begeistert aus: „Jedes Pferd kann ich dir besorgen und die Wiener Hofreitschule berate ich seit Jahren“.

Selig und beschwingt fuhr ich zurück und musste mir von meiner Großfamilie nach dem Urlaub das Versprechen abnehmen lassen, die Finger von Lipizzaner-Hengsten zu lassen. Man würde mich noch sehr brauchen. Als Großmutter. Ohne gebrochenen Hals durch waghalsige Reitexperimente. Nun gut, ich bin noch sehr am Grübeln und träume sehnsuchtsvoll von Piaffen und Passagen auf meinem künftigen Lipizzaner.

 

 

119. Spinatwachtel

In letzter Zeit ist Rosa häufig unterwegs. Meist sehr sportlich gekleidet. Ich vermute, sie macht eine neue Weiterbildung. Folglich muss ich die Verantwortung für unser gemeinsames Therapietagebuch stärker übernehmen.

Daher plaudere ich jetzt mal ein wenig aus unserem privaten Nähkästchen. Schließlich wird hier nicht nur gearbeitet sondern gelebt. Rosa ist ein absoluter Genussmensch. Finde ich Klasse. Deswegen ist sie ein wenig runder wie manch andere Herrschaften, die sich lebenslang von Salaten ernähren. Unsere Rudelführerin kocht gerne und behauptet, das stimme sie sehr fröhlich. Insbesondere wenn die anderen Mitesser genüsslich seufzen und nach den Rezepten fragen.

Rosa hat sich zum Ziel gesetzt, mit ihren Kochkünsten jetzt auch unsere Clara zu beglücken, die sich seit kurzem in einem Alter befindet, wo sie vernünftige Nahrung zu sich nehmen darf. Lange genug wurde sie gestillt. Dann kam eine Phase mit diversen Gläschen mit duftenden Köstlichkeiten darin. Für meinen Geschmack alles ein wenig fade. Das fand auch meine Chefin. Sie verabscheut jede Art von Brei und liebt das deftige. Wie wir alle.

Ein sehr mutiges Experiment wagte Rosa mit Spinat. Genauer gesagt kreierte sie eine Spinatsuppe. Mit dem Kauen klappt das noch nicht so gut, weil Clara erst sieben Zähnchen im Mund hat. Insofern muss die Konsistenz des Essens babygerecht zubereitet werden.

Spinatsuppe
Schmeckt saugut

 

 

 

 

 

 

 

 

Langer Rede kurzer Sinn: Irgendwie hat Rosa das  grauenvolle Grüngemüse so lecker zubereitet, dass Clara gar nicht genug davon bekam. In kürzester Zeit war alles inhaliert und für uns Hunde fiel in regelmäßigen Abständen ein kleines bissi eines wohlschmeckenden Spinatsuppenbatzens  herab. Danke Clara.

 

118. Hypnotherapie

Habe ich schon erwähnt, daß meine Chefin unter anderem auch eine hervorragende Hypnotherapeutin ist? Wenn ihr im Internet unter dem Begriff Hypnotherapie googelt, findet ihr folgende Erläuterungen:

„Als Hypnotherapie oder Hypnosepsychotherapie werden heute Therapieformen zusammengefasst, die u. a. das vorhandene Wissen über die Wirkung von Trance und Suggestionen therapeutisch nutzen. Um Heilungs-, Such- und Lernprozesse zu fördern, wird entweder Hypnose im mehr formalen Sinn praktiziert oder es werden alltägliche Tranceprozesse für die therapeutische Arbeit genutzt. Daneben kann Hypnotherapie auch als Selbsthypnosetraining bzw. Erlernen von (Tiefen-) Entspannungsübungen gestaltet werden“.

Das klingt reichlich unverständlich. Die praktische Wirklichkeit funktioniert wesentlich einfacher.  weiter lesen

117. Hetzjagd

Lieblingsbeschäftigung Nummer 1

Die Lieblingsbeschäftigung einer englischen Bulldogge heißt „Schlafen“. Und das am liebsten zwanzig Stunden täglich. Dann kommt „Fressen“. Das funktioniert in dem Haus, in dem ich lebe, umrahmt von „Gartenräumen“ bestens. Evolutionsbiologisch sah das vor Jahrhunderten anders aus. Für einen Hund, meine ich. Da hieß es, sich selbst um Nahrung kümmern. Zu diesem Zwecke  musste man seinen faulen Arsch in Bewegung setzen um auf die Jagd zu gehen. In gewissem Sinne mache ich das – obgleich schon ziemlich in die Jahre gekommen – heute auch noch ganz gerne. Hin und wieder, wohlgemerkt, wenn das zu erjagende Ziel  mir entsprechend attraktiv erscheint. Katzen zum Beispiel. Oder zudringliche Besucher am Zaun, die scheinheilig meiner Chefin irgend etwas aufschwätzen wollen, obgleich auf ihrer Stirn klar und deutlich geschrieben steht, dass sie liebend gerne unser Haus durchwühlen möchten. Ich kann Ihnen versichern, dass solche Personen bei uns nicht weit kommen würden. Wir jagen nämlich im Rudel!

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