123. Sexueller Übergriff

Uns kann nichts erschüttern

Kaum war ich wieder im Lande, wartete auf mich ein Verlängerungsgutachten der besonderen Art.  Ungeduldig winkte es mir von oberster Stelle meines Schreibtisches aus  zu. Frech und arrogant hatte es sich auf alle anderen Gutachten gesetzt und glotzte  mich süffisant grinsend an. Als wolle es sagen, nun gib mal Gas und fange an, mich zu bearbeiten. Wie ihr euch vorstellen könnt, ein mehr als unangenehmer Fall.

122. Reisen

Was ich inzwischen perfekt beherrsche ist Reisen. Damit meine ich ALLEINE reisen. Niemanden an der Backe haben,  der meckert, pfurzt oder dreckige Socken verstreut. Ich liebe es, wenn ich den Tagesablauf – völlig auf meine Bedürfnisse zugeschnitten – bestimmen darf.  Essen, schlafen oder lesen wann ich will. Mit Franz war das immer Harmonie und Übereinstimmung pur. Doch diese Zeiten sind vorbei. Leider.

Die einzigen „Begleitpersonen“ die ich zur Zeit ertrage sind einige sehr ausgesuchte Familienmitglieder und natürlich meine Hunde.

Meine letzte Reise war eine Gruppenreise, organisiert von einer bekannten Tageszeitung aus dem süddeutschen Raum. Klang von derAusschreibung her  verlockend.

Es handelte sich um eine „Schnupperkreuzfahrt“ von Hamburg nach London, wo „königliche Erlebnisse“ der Reisegruppe zuteil werden sollten.

Als ich in Hamburg aus dem Flieger ausstieg wurde ich zusammen mit ca. 100 Personen auf zwei Busse verteilt, die zum Hafen fuhren, wo das Kreuzfahrtschiff auf uns wartete. Da ich immer ein wenig tritschelig unterwegs bin musste ich in der letzten Reihe des Busses Nr. 2 Platz nehmen. Ein prüfender Blick nach vorne über alle Reihen hinweg offenbarte mir jede Menge Hörgeräte in den Ohren der vor mir Hockenden. Durchschnittsalter der Teilnehmer: geschätzte 79 Jahre. Außer mir noch eine einzelne alleinreisende Frau. Der Rest Paare. Einige sehr hektisch und wegen der eingeschränkten Hörfähigkeit unüberhörbar laut kommunizierend. Die meisten jedoch schienen in Wortlosigkeit zu versinken und blieben es auch für den Rest der Reise. Ich hab mal in einer Studie gelesen, dass die maximale Kommunikationsdauer zwischen Paaren insgesamt 12 Minuten am Tag nicht übersteigen würde. Bingo, schien hier an Bord zu stimmen.

Am Hafen angekommen erwartete uns ein Riesenpott. Die Warteschlange beim Einchecken endlos. Von unserem Reisebegleiter, der uns durch das Chaos hindurchgeleiten sollte,  war wenig oder gar nichts zu sehen. Zum Glück bin ich reiseerfahren und finde mich schnell überall zurecht.

Von den Männern rund um mich herum empfing ich meist wohlwollende Blicke. Die Damen hingegen – nach einem kurzen Bodyscan meiner traumhaften Figur, meines überwältigenden Charmes  und meiner liebreizenden Art – zerrten ihre Ehegesponse in der Regel meist sehr schnell sehr weit weg. Ich bin jetzt alles andere als paranoid, aber das schien mir schon ziemlich auffällig.

Glücklicherweise war ich mit einem wundervollen Buch ausgestattet und verzog mich während der Seetage lieber in einen stillen Winkel als mich von einem finster blickenden weiblichen Drachen  über Bord schmeissen zu lassen. Ich finde es erstaunlich, dass es so viele alte Weiber gibt, die grauenvoll dürr und ausgemergelt daherkommen.  Entsprechend frustriert sind ihre Visagen. Wer sich bestenfalls von Salat ernährt kann definitiv keine positive Ausstrahlung haben. Dafür umso mehr Falten und das auf einem nicht vorhandenen Unterhaut-Fettgewebe.

Meine Kabine an Bord war schön und geräumig. Auf den ersten Blick sah alles fantastisch aus. Sekt auf dem Tisch. Zwei riesige Betten, ein Mords Flachbildschirm an der Wand gegenüber.

Bei näherer Betrachtung des Teppichbodens hatte ich den Eindruck, dass er schon sehr in die Jahre gekommen war. So wie das ganze Schiff. Der Balkon war rostig, ausgestattet mit Tisch und zwei Liegen. Diese aus Teakholz. Immerhin.

Die Garderobenschränke in meiner Kabine boten Platz in Hülle und Fülle. Das musste auch so sein, weil es an Bord rigorose Kleidervorschriften gab. Smoking/Anzug für die Männer am Abend, Cocktailkleidchen für die Damen.

Ein wenig Abwechslung erlebten wir bei der zweimaligen Landung/Abflug eines Helikopters mit einem Notarzt an Bord. Alle Decks wurden gesperrt und den Reisenden, die im glücklichen Besitz eines Balkons waren, strengsten untersagt, die Nasen rauszustrecken. Autoritätshörig wie ich nun mal bin, verbrachte ich während der Rettungs-Aktionen bei Höllenlärm die Zeit natürlich auf meinem Balkon und versuchte zu eruieren, ob der oder die PatientIn tot oder lebendig abtransportiert wurde.  Ich denke letzteres.

Das Servicepersonal an Bord kam aus aller Herren Länder. Keiner verstand ein Wort Deutsch. Ich zum Glück Englisch. Die Speisen im Hauptrestaurant, das man nur wie zum Besuch in einer Oper aufgehübscht betreten durfte, sehr überschaubar. Sie waren nett anzusehen. Kleine Kunstwerke dekorativ auf weissem Porzellan. Doch was nützt ein hübsch anzusehender Teller, wenn die Kartoffeln darauf matsche sind und das Fleisch bis zum „geht nicht mehr“ durchgegart? Serviert von ungeschultem Personal knapp an der absoluten Unfreundlichkeitsgrenze dahin schrammend?

Die Schlange an der Rezeption von Reisenden war stets endlos. Während man sich wartend und unglücklich einreihte, tönte es kritisch von allen Seiten. Ich gewann immer mehr den Eindruck eines überkomplett ausgebuchten Schiffes mit einer verschwindend kleinen Menge an Personal an Bord. Schnell hatte sich nach mehr oder weniger langer Zeit des Wartens an der Rezeption so manches  Beschwerdegrüppchen gebildet. Ich hörte da so einiges. Beim Nachmittagstee zertraten sich die Reisenden oder fanden, ebenso wie in einem Buffett-Restaurant mittags, stundenlang keinen Platz. Verbal kann ich ich sehr zielführend argumentieren. Grandios meckern. Dabei auch noch grimmig schauen. Halt wie daheim, wenn Einstein die Luft verpestet. Emphatisches Verständnis wäre an der Stelle auch unangebracht.

Doch ich vermute, dass alle Beschwerden letztendlich  in den Wind gesprochen wurden. In den Fahrtwind und dort ungehört vom blauen Himmel, der uns die gesamte Reise verfolgte, absorbiert wurden.  Ich werde es nicht herausfinden. Mein Bedarf an Kreuzfahrten ist mir jedenfalls gründlich vergangen. Zumal ich von einem Offizier auf hartnäckiges Fragen meinerseits erfuhr, dass die Abfälle in einem Kamin in den Himmel geblasen und die Essenreste ins Meer verklappt werden. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass das Schiff von Dieselmotoren angetrieben wird.

Dafür war London ein Traum. Ich habe mich auf der Stelle in diese Stadt verliebt und werde wiederkommen.

Westminster Abbey
Den Job möchte ich nicht haben

 

121. Herbst

Die Herrin über sämtliche Laubblätter

Meine Chefin habe ich die letzten Monate nicht so häufig gesehen. Sobald sie mit der Praxis fertig war, packte sie Bananen, Müsliriegel und Getränkeflaschen ein und verschwand dann regelmäßig für ein paar Stunden. Wenn sie zurückkam, ächzte sie und fluchte und sagte, dass ihr jeder Knochen wehtäte. Für uns Hunde ein wenig nachvollziehbares Verhalten. In den Sommermonaten verziehen wir uns liebend gerne in den Schatten unseres herrlichen Gartens und sind froh, wenn man uns in Ruhe lässt.

Seit der riesige Ahorn auf unserer Grundstücksgrenze geradezu schamlos ein Blatt nach dem anderen auf unser Anwesen wirft , sehe ich meine Rudelführerin neuerdings mit verkniffenem Gesichtsausdruck immer häufiger im Garten mit einem Rechen unterwegs. Auch dies eine ziemlich sinnlose Vergeudung von Energie, weil die Blätter immer weiter fallen und es mir absolut unerklärlich ist, wieso man die nicht einfach liegen lassen kann. Zum reinstrullern. Zum sich darin wälzen. Zum Igel aufstöbern und durch den Garten jagen. Bulldoggen sind die einzigen Hunde, die sich durch einen stacheligen Igelpanzer nicht verschrecken lassen – behauptet unsere Tierärztin, wenn sie uns nach einem Kampf mit einem der „Herrschaften der Stacheln“ von Tausenden Flöhen und anderem Ungeziefer befreien muss. Wenn Madame und ich mal in Fahrt kommen und einen „Feind“ angreifen, schalten wir unser Schmerzempfinden auf „Null“ herab und dann ist es uns völlig egal, welche Blessuren wir im Kampf davontragen. 

Rosa hingegen ist das ganz und gar nicht gleichgültig. Sie startet ein Mordsgebrüll und beendet so den Spass mit dem Stacheltier. Wir Hunde gehen in Deckung. Blitzartig. Nichts fürchten wir so sehr wie eine wütende, tobende Frau Diplom-Psychologin, weil das zum einen absoluten Seltenheitswert hat und zum anderen so gar nicht zu Rosa passt, die die Ruhe und Gemütlichkeit in Person ist. Solange sie niemand ernsthaft ärgert. 

Schrecklich nachtragend kann Rosa leider manchmal sein. Insbesondere nach einem „Entflohungs- und Gesundheitswiederherstellungs-Besuch“ bei der Tierärztin, die uns mit allem möglichen Gift überschüttet. Liebesbekundungen wie Kraulen und Knutschen  werden dann radikal auf Null heruntergeschraubt. Statt dessen ernten wir giftige Blicke, dürfen nicht zu ihren Füssen pennen,  sondern werden in unsere Hundebetten gescheucht. Wegen der Chemikalien im  Fell. Dafür werden wir in regelmäßigen Abständen kritisch gemustert und mit einem feinen Kamm malträtiert, während Rosa vor sich hin murmelt, dass sie jeden einzelnen Floh eigenhändig erwürgen wird, wenn er es wagen sollte, ihr entgegen zu hüpfen. Zwei Tage haben wir Zugangsverbot in Rosa`s  Praxisräumen. Traurig aber wahr. 

Erschöpft nach dem Kampf mit dem Igel
Das kommt davon, wenn man sich mit einem Stacheltier streitet – autsch!

120. Sehnsucht

Der Sommer ist mit atemberaubender Geschwindigkeit an mir vorüber gezogen und hat unendlich viele Geschenke hinterlassen. Am besten fange ich mit den kleinen, aber feinen Dingen an, die man mir nicht einfach zu Füssen gelegt hat, sondern die ich als Chance erhielt, um sie ebenso dankbar wie mühsam auszubauen.

Im Klartext heißt das, dass ich meine „schriftstellerischen“ Aktivitäten zu Gunsten sportiver Bewegung an frischer Luft reduziert habe. Wie meine Leser sicher schmerzlich bemerkten, habe ich an meinem Blog keine einzige Sekunde gesessen. Stattdessen arbeitete ich an der Verbesserung meiner früheren sportlichen  Form, zu der ich nach und nach zurückfand. Sicher nicht ganz, aber altersentsprechend. Immerhin darf man nicht vergessen, dass ich in Riesenschritten auf die Siebzig zugehe. weiter lesen